Möglich heißt machbar.

Die ‚grande dame‘ der Zola-Forschung Colette Becker (*1932) spricht mit Clive Thomas über ihre akademische Laufbahn.

Veröffentlicht am
11.3.2026
Lars Henk

Lars Henk

RPTU in Landau
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Während meiner Doktorarbeit habe ich nicht nur viel Zeit mit Émile Zola verbracht, sondern auch mit den führenden Vertreterinnen und Vertretern der Forschung zum Naturalismus. Sie wurden mir teilweisezu wichtigen Gefährtinnen und Gefährten, um den berühmten Rougon-Macquart-Zyklus aus dem historischen und (natur-)wissenschaftlichen Kontext heraus zu erschließen. Besonders viel gelernt habe ich über Zola und seine Schreibpraxis von Henri Mitterand und Colette Becker, die die literaturwissenschaftliche Auseinandersetzung mit dem Naturalisten entschieden vorangetrieben haben. Beide haben vor allem – aber selbstverständlich nicht ausschließlich – dazu beigetragen, zu verstehen, wie aus seinen ersten Notizen fertige Romane geworden sind.

Der kanadische Literaturwissenschaftler Clive Thomas hat die Pioniere der Zola-Forschung interviewt. Die Gespräche mit Henri Mitterand hat er 2021 veröffentlicht (hier) 2023 erschienen die Interviews mit Colette Becker, ergänzt um ihre Kurzbiobibliographie und eine Auswahl ihrer Aufsätze.

In vier im Jahr 2022 geführten Gesprächen unterhalten sich Clive Thomas und Colette Becker (*1932) über ihre akademische Laufbahn, an die sie selbst weder als kleines Mädchen noch als Jugendliche einen Gedanken verschwendet hat. Becker liefert im ersten Interview zunächst Einblicke in ihre Kindheit und Jugend in einer kleinen Gemeinde in Südfrankreich, nicht besonders weit entfernt von der spanischen Grenze: Als einzige Tochter eines Grundschulinspektors und einer Hebamme erlebt sie eine behütete Kindheit, bis dass ihr Vater im Zweiten Weltkrieg als Soldat eingezogen wird. Es ist eine schwierige Zeit, die Mutter und Tochter noch stärker zusammenwachsen lässt. Auf das Gymnasium geht Colette dann in Toulouse, wo sie zunächst mit dem hohen Niveau zu kämpfen hat, sich allerdings durchbeißt und schließlich nach Jahren in der akademischen Kaderschmiede in Paris die Universität Ende der 1950er Jahre mit der ‚Agrégation‘ verlässt, dem angesehensten Diplom für die Schullaufbahn als Lehrkraft.  

Wie in Frankreich für die Elite häufig üblich, ist ihre Zeit als Lehrerin an einem Collège – oder Lycée – nur vorrübergehend: Becker berichtet, wie sie in den 1960er Jahren eine akademische Karriere an der Sorbonne einschlägt. In ihrer Doktorarbeit sucht sie aus der Perspektive der critique génétique eine Antwort auf die Fragestellung, wie aus den unzähligen Notizseiten Zolas sein Roman Pot-Bouille entstehen konnte. Nach der Verteidigung ihrer Doktorarbeit 1970 holt Henri Mitterand sie in ein frankokanadisches Forschungsprojekt, das auf die Veröffentlichung der Korrespondenz von Zola abzielt. Dies ermöglicht es ihr, vielfach nach Torontozu reisen und andere Zola-Forscher kennenzulernen.

Die hohe Arbeitsbelastung verzögert allerdings, wie sie bekennt, die Fertigstellung ihrer ‚Thèse d’état‘, die unabdingbare Voraussetzung, um sich auf eine Professur bewerben zu können. Dank eines forschungsfreien Jahres konnte sie diese schließlich 1987 einreichen. Becker bleibt darin Émile Zola treu, unterzieht diesmal allerdings seine vor dem Rougon-Macquart-Zyklus erschienenen Romane einer eingehenden Untersuchung. Nach einer Zwischenstation in Amiens wird sie dann 1992 Professorin in Paris-X Nanterre.

Neben der lesenswerten Rekonstruktion der zentralen Etappen ihres eigenen Forscherlebens besticht der Interviewband erstens dadurch, dass er wertvolle Einblicke in das Zola-Universum ab den späten 1950er Jahren liefert, als die Erschließung seiner Werke, von wenigen Ausnahmen abgesehen, noch in ihren Kinderschuhen steckte. Wir lernen unter anderem, wie viel Teamarbeit vonnöten gewesen ist, um die Forschung zu Zola multiperspektivisch aufzuspannen und zu fundieren. In dem Zusammenhang sind auch Beckers Positionierungen zu anderen zolistes von Interesse, die zwischen admirativer Anerkennung und starker Ablehnung oszillieren…

Schade ist jedoch, dass wir nicht wirklich etwas über die Sorgen und Nöte von Colette Becker lernen, die als alleinerziehende Mutter zweier Töchter den Spagat zwischen Karriere und Familie schaffen musste. Auch die Hindernisse, die ihr in einer weitestgehend konservativen Forschungslandschaft auf dem Weg zur Professorin an einer der angesehensten Universitäten in Paris entgegenschlugen, werden stellenweise bloß angerissen. Der titelgebende Kommentar von Becker, dass möglich machbar bedeutet, ist diesbezüglich wenig aufschlussreich…

 

Clive Thomas (2023): Quand c’est possible, c’est faisable. Entretiens mémoriels avec Colette Becker. Neuilly: Atlande, 208S.

 

 

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