Die "Arbeiter des Meeres" von Victor Hugo (1866) – (auch) eine theologische Parabel

Unser Gastautor, der Theologe Peter Neuhaus, hat sich von einem Roman in Bann schlagen lassen, der gemeinhin ein Schattendasein jenseits des französischen Kanons fristet: Es geht um Victor Hugos ozeanisches Epos "Les Travailleurs de la mer". Nach der Lektüre dieses enthusiastischen Essays möchte man gleich – sofern noch nicht geschehen – in die Buchhandlung gehen, um sich dieses Werk als nächste Urlaubslektüre zu besorgen.

Veröffentlicht am
9.6.2026

Peter Neuhaus

Hier klicken um den Beitrag runterzuladen

Ein Buch muss die Axt sein

für das gefrorene Meer in uns.

(Franz Kafka)

 

Eine andere Erfahrung

Manchmal begegnet uns unverhofft ein Buch, das zu einer anderen Erfahrung anstiftet. Wir wissen nicht, wie, sondern nur, dass das geschieht. Und wir gehen verwandelt aus der Lektüre hervor. Eine solche Erfahrung widerfuhr mir mit der Entdeckung des Romans Die Arbeiter des Meeres. Sein Autor ist Victor Hugo (1802-1885), uns zumeist bekannt durch den Glöckner von Notre-Dame und Die Elenden.

Hugo floh nach dem Staatsstreich von Louis-Napoléon Bonaparte und dessen Ernennung zum Kaiser (1851/52) auf die Kanalinsel Guernsey, wo er fünfzehn Jahre seines Lebens (1855-1870) verbrachte. 1866 erschienen Les Travailleurs de la mer in Paris, im selben Jahr erstmals unter dem Titel „Die Meer-Arbeiter“ ins Deutsche übertragen. Erst 2003 folgte die erste vollständige Neuübersetzung unter dem Titel Die Arbeiter des Meeres im Mare-Verlag. Wer das Buch liest, wird schnell erkennen: Nicht allein der Roman ist großartig, auch die Übersetzung von Rainer G. Schmidt ist atemberaubend schön.

Ich stieß zufällig auf Die Arbeiter des Meeres – oder auch nicht ganz zufällig: Von Rainer Maria Rilke über Auguste Rodin führte der Weg zu dessen monumentalem Entwurf eines Denkmals für Victor Hugo. Es lässt uns ahnen – ahnen nur! –, mit welcher Urgewalt wir es zu tun bekommen, wenn wir es mit Hugo zu tun bekommen. Hinzu tritt die eindrückliche Biografie der Literaturwissenschaftlerin Walburga Hülk, die uns den französischen Nationalschriftsteller unlängst als „Jahrhundertmensch“ (2024) vorgestellt und – was lässt sich von einer Biografie Besseres sagen? – dabei die unwiderstehliche Lust entfacht hat, dem Portraitierten selbst auf die Spur zu kommen.

So nahm ich Die Arbeiter des Meeres zur Hand, blätterte darin, begann zu lesen und hörte nicht wieder auf, bis ich das gewaltige Buch ganz und gar – hier ist der Begriff angebracht – verschlungen hatte. Ich hatte ja keine Ahnung, welchen Raum ich da betrat, auf welches Meer ich da hinausfuhr, in welche grundlosen Tiefen ich hinabstoßen und zu welch lichten Höhen ich hinaufgehoben werden würde. Jetzt, nach meiner Rückkehr von dieser abenteuerlichen Reise durch alle Kreise der Hölle und des Himmels, weiß ich es.

Die Geschichte

Die Arbeiter des Meeres stellen die dritte Tafel eines literarischen Triptychons dar, deren zwei andere Der Glöckner von Notre-Dame und Die Elenden sind. Jeder dieser Tafeln ist ein Grundthema hinterlegt: dem Glöckner die Religion, den Elenden die Gesellschaft und den Arbeitern die Natur. Religion, Gesellschaft und Natur: Das also sind die Bühnen, auf denen sich entscheidet, was überhaupt von Bedeutung ist, unser Schicksal, „die höchste anankè, das menschliche Herz.“ (S. 7)

In den letzten Tagen der französischen Revolution flieht Gilliatt mit seiner Mutter auf die Kanalinsel Guernsey, gelegen am westlichen Ausgang des Ärmelkanals. Er führt ein Einsiedlerleben am Rande der Insel, wird von ihren Bewohnern argwöhnisch beäugt, zeichnet sich aber zugleich durch ein großes Herz und ein außergewöhnliches Talent aus, Menschen mit Rat und Tat beizustehen. Mitten im gesellschaftlichen Leben dagegen steht Lethierry, ein Arbeiter des Meeres, welterfahren, optimistisch, innovativ, geschäftstüchtig, gut vernetzt. Seine Erfindung eines Dampfantriebs, mit dem er sein Schiff, die Durande, ausstattet, hat das Zeug, Geschichte zu schreiben.

Doch das Unternehmen scheitert. Lethierry, der aufgrund seines fortgeschrittenen Alters die Durande nicht mehr selbst steuern will, ernennt den allseits respektierten, überaus versierten, aber auch mit allen Wassern gewaschenen Clubin zum Kapitän. Der jedoch lässt die Durande auf die Douvres-Felsen auflaufen – eine äußerst gefährliche Felsformation in Gestalt zweier riesiger, wie Stoßzähne eines Elefanten aus dem Ozean hervorragenden Gesteinssäulen, die jeden, den sie einmal in ihre Fänge bekommen, nicht mehr lebend daraus entkommen lassen. Zwar kann die Besatzung des zwischen den Felsen eingeklemmten Schiffrumpfs gerettet werden, während Clubin erklärt, auf dem Wrack verbleiben und das Schicksal des Bootes teilen zu wollen (dass es ihm dabei weniger um hohe Kapitänsmoral als um skrupellose Gewinnsucht geht, sei hier nur am Rande erwähnt). Die Durande aber – und vor allem das Herz des Schiffes, die Maschine – ist unrettbar verloren, weiß Lethierry, als er von der Havarie erfährt. Sein Traum von einem neuen Zeitalter zerplatzt.

Unbemerkt macht sich Gilliatt im „Pans“, einer kleinen Schaluppe, die er bei einem Schiffwettkampf gewonnen hatte, auf in Richtung der Douvres-Felsen. Dort wird er Monate zubringen, um das Unvorstellbare zu bewerkstelligen, das Wunder zu vollbringen, an das niemand je geglaubt hätte: Er rettet die Maschine aus dem zerstörten Rumpf der Durande und bringt sie unversehrt nach Hause zurück, in den Hafen von Saint-Sampson.

Aus Dankbarkeit verspricht Lethierry ihm seine Nichte Déruchette, für die er immer einen ganzen Kerl gesucht hatte. Doch Gilliatt, der die Schöne seit einer frühen, geheimnisvollen Begegnung am ersten Weihnachtstag auf schneebedecktem Weg wie eine Heilige verehrt, niemals aber auch nur ein Wort mit ihr zu wechseln gewagt hätte, lehnt ab. Stattdessen ermutigt er Déruchette und den jungen Pfarrer Ebenezer, die einander in Liebe zugetan sind, zu heiraten. Verborgen vor den Augen des pfaffenfeindlichen Onkels geben sich die beiden das Jawort, um daraufhin die Insel an Bord des Postschiffs Cashmere für immer zu verlassen. Gilliatt schaut den Davonfahrenden vom Felsenstuhl Gild-Holm-Ur lange nach, einem Felsvorsprung, der aufgrund seiner exponierten Stellung zwar einen unvergleichlichen Blick aufs Meer gestattet, aber seiner Lage wegen zugleich äußerst gefährlich ist. Denn bei steigendem Meeresspiegel wird er ganz vom Wasser eingeschlossen, und eine Rückkehr ans feste Land ist für den, der dort allzu lange verweilt, unmöglich. Ganz versunken blickt er der Cashmere nach, bis sie seinen Augen entschwindet… und Gilliatt auch… und es „nichts anderes mehr gab als das Meer“ (S. 524).

Die Arbeiter des Meeres – (auch) eine theologische Parabel

So packend diese Seefahrergeschichte an sich auch ist, so ist sie doch nur die Außenhaut des Romans, beste Unterhaltung, von der man getrost zur nächsten fortschreiten könnte. Aber so ist es nicht. Das Eigentliche spielt sich – wie in der Nähe des Meeres nicht anders zu erwarten – unterhalb dieser Oberfläche ab, nicht an Deck, sondern im Maschinenraum der Erzählung. Denn nicht da oben, sondern hier unten schlägt das Herz der Welt. In der Tiefe entscheidet sich unser Schicksal. Hugos Arbeiter des Meeres legen das EKG an dieses Herz. Sein Roman zeigt uns, wie es von elektrischen Impulsen bewegt wird und unablässig schlägt, wie Klappen sich öffnen und schließen und wie das Blut des Lebens in es hinein- und wieder hinausströmt und sich sofort ein Erschrecken einstellt, wenn es nur für einen einzigen Schlag aussetzt, aus dem Rhythmus gerät oder gar – das wäre der Tod – ganz zu schlagen aufhörte.

Das Herz eines Menschen, der mit 90 Jahren stirbt, hat vom ersten bis zum letzten Moment seines Lebens etwa drei Milliarden Mal geschlagen. Es gibt keine von Menschen ersonnene Maschine, die dem gleichkäme. Wer sich auf Die Arbeiter des Meeres einlässt, ist für die Zeit einer Lesereise gleichsam inkardiniert in das Betriebssystem der Schöpfung. Mag Hugos Roman große Belletristik sein, gewiss aber ist er auch eine theologische Parabel. Alles ist darin: Freiheit und Schicksal, Gut und Böse, Liebe und Hass, Gott und der Teufel. Wenn je ein Roman seiner Aufgabe entsprach, so ist es dieser: Roman einer ganzen Welt, die ganze Welt ein Roman.

Heiliger und Idiot: Gilliatt

Gilliatt ist der Held der Geschichte – oder besser: ihr Anti-Held. Er wohnt in einem Haus am äußersten Ende der Insel, das den Namen Bude la Rue trägt: Weges-Ende. An Orten wie diesen hausen nach Auffassung der Leute von Guernsey die Teufel, Zauberer und Hexenmeister, vor denen man auf der Hut sein sollte. Gilliatt ist ein Flüchtlingskind. Seine Mutter kam mit ihm dem Vernehmen nach am Ende der Französischen Revolution auf die Insel. Von einem Vater ist nicht die Rede. Er geht keiner geregelten Arbeit nach, aber hat immer genug zum Leben. Nach seinem Beruf gefragt, antwortet er: „Wenn es etwas zu fischen gibt, bin ich Fischer“ (S. 24). Er spricht mit den Tieren und kauft Vögel, um sie freizulassen. Das, was er selbst nicht benötigt, verschenkt er an Bedürftige. Obwohl die Leute ihm nicht über den Weg trauen, tun sie doch gut daran, auf ihn zu hören. Denn "wer seine Ratschläge befolgte, fuhr gut damit“ (S. 29). Ihm eignet eine Heilkraft, die nicht zu leugnen ist. Das ändert jedoch nichts daran, dass die Leute zu ihm auf Distanz bleiben: „Die öffentliche Meinung war nun einmal gegen ihn“ (S. 35).

Gilliatt also ist ein Randständiger, ein Träumer obendrein, ein Erleuchteter und ein Verrückter zugleich. Er ist von grenzenloser Güte, rettet die Maschine, führt die von ihm verehrte Déruchette mit dem jungen Pfarrer Ebenenzer zusammen. Und am Ende geht er, wie er gekommen war: klanglos, klaglos, aufgenommen in den unendlichen Ozean – eine Verklärung nach unten: nicht hinauf in den Himmel über ihm, sondern hinab in die Tiefe des Meeres unter ihm. Doch was macht das schon für einen Unterschied?

Gilliatt ist ein großer Einsamer. Er erinnert an Homers Odysseus, den Seefahrer zwischen Himmel und Hölle; er erinnert an den großen Leidenden des Alten Testaments – „Hiob der Meere“ (S. 333) nennt Hugo ihn; er erinnert an Daniel Defoes Robinson Crusoe, der sich eine widerständige Welt zu eigen macht; er erinnert an Dostojewskis „Idiot“ – Hugo schreibt: „Die Einsamkeit schafft Talente oder Idioten“ (S. 37) –, ein Außenseiter, auch der unverstanden und verlacht noch in seiner äußersten Güte und Sanftmut; er erinnert an die christliche Jesus-Figur, auch der unfähig zu Lug und Trug, sanftmütig und selbstlos, Ratgeber, Lotse, Helfer, Heiler, Erlöser, und dabei zugleich heimatlos, einsam, misstrauisch beäugt von den Leuten, verdächtigt und verteufelt; und am Ende ein Entschwindender dorthin, woher er gekommen sein mag: in den Himmel hinauf dieser, ins Meer hinab jener…

Homo faber: Lethierry

Während Gilliatt wie der kleine Prinz Antoine de Saint-Exupérys aus dem Himmel auf die Erde gefallen zu sein scheint, ist Lethierry ganz und gar diesseitig. Er ist der Prototyp der Arbeiter des Meeres, ein homo faber, wie er im Buche steht, erfahrener Seemann, auf allen Meeren der Welt zuhause, mit allen Gefahren vertraut, mutig, risikobereit, erfolgreich.

Lethierry erfindet die Dampfmaschine, die eine neue Epoche der Seefahrt einläuten soll, eine Utopie aus Eisen – „Embryo der Wissenschaft: als Fötus ein Monstrum, als Keim ein Wunder“ (S. 72). Gegen den Widerstand der Klerisei, die Wissenschaft, Technik und Fortschritt im Namen der Religion verteufeln zu müssen glaubt, setzt Lethierry genau darauf, überzeugt davon, dass mit den Errungenschaften der Moderne ein neues Zeitalter anbricht, die Beherrschung der Elemente, die Unterwerfung der Welt unter den Willen des Menschen: „Jetzt bist du dran“, ruft er triumphierend dem Meer zu: „Die Pariser haben die Bastille gestürmt, und jetzt nehmen wir dich im Sturm!“ (S. 76f.) Auch wirtschaftlicher Erfolg und Wohlstand für alle kommen in greifbare Nähe, wie an ihm selbst schon jetzt zu erkennen ist: „Dank seiner blitzgescheiten Idee, dank des Teufelsschiffs war Mess Lethierry ein ‚Wer‘ geworden“ (S. 78) – ein gemachter Mann.

Nur mit der Liebe fremdelt der Mann der Tat. Zwar verehrt er das Schöne, genauer: die Schöne. Aber er kann damit nichts Rechtes anfangen. Bindungen des Herzens sind ihm suspekt. Und so hält er es mit denen, die zwar genießen, aber nicht bleiben: „stets entbrennen, dann aber durchbrennen“ (S. 53).

Die Schöne: Déruchette

Dabei wohnt die Schöne in unmittelbarer Nähe: Déruchette, die Tochter seines Bruders, die er als Waise adoptiert hat und auf den Namen Déruchette taufen lässt, das Diminutiv des Namens „Durande“, den sein Schiff trägt. Déruchette ist „eine entzückende Tochter des Landes“ (S. 13), schön und zart, das genaue Gegenteil ihres Onkels, und das soll auch so sein: „Das Raue fühlt sich zum Zarten hingezogen“ (S. 82). Zwar ist sie ein Mensch, doch inwendig ist sie ein Engel, wenngleich die Flügel „nicht zu sehen“ (S. 59) sind.

Begegnen wir in ihr Maria aus Magdala, der eine verbotene Liaison mit dem Erlöser nachgesagt wird? Oder Maria, der jüngeren Schwester der Martha, die sich auf Distanz hält gegenüber dem Getriebe der Welt, die nicht fleißig, sondern bedächtig, nicht laut, sondern aufmerksam ist, weil sie weiß, dass der Gast, dem sie lauschend zu Füßen sitzt, nicht irgendein Mann ist, sondern der, an dem sich alles entscheidet: Heil und Unheil, Leben und Tod. Oder ist sie Beatrice, die Angebetete in Dantes Göttlicher Komödie, unvergleichlich schön auch sie, heilig und verführerisch, ein Abglanz des Himmels und der Name aller Sehnsucht?

Jedenfalls ist auch Déruchette ein Archetypus, tief ins 19. Jahrhundert, das romantische, eingelassen. Feministisch gelesen, ist das nicht haltbar. Das ist vom Autor nicht anders zu erwarten, der zwar ein Menschenrechtsaktivist, Streiter für die Freiheit der Menschen und der Völker und ein erbitterter Gegner der Todesstrafe war, aber gewiss keiner, der Frauen auf Augenhöhe begegnete, sondern als ergebene Ehefrau, vergötterte Tochter, vor allem aber als Geliebte ansah und genoss. Immerhin, am Ende der Geschichte widersetzt sich Déruchette der strengen Anordnung des Onkels, auf keinen Fall einen Mann der Kirche zu heiraten, und entschwindet stattdessen mit dem jungen Pfarrer Ebenezer auf der Cashmere in die Freiheit einer eigenen Existenz jenseits von Guernsey…

Nun wären Clubin, der Gerissene, Rantine, der Dieb, und eine Reihe weiterer Figuren vorzustellen. Doch da es sich hier nicht um die Nacherzählung der Geschichte, sondern denV ersuch handeln soll, eine subkutane theologische Tiefenschicht des Romans offenzulegen, bleibe ich diese Vorstellung schuldig und gehe von den Personen zu den Dingen und Erscheinungen über.

Die Schöpfung

Die Arbeiter des Meeres sind – formuliert mit den Worten des chilenischen Nationaldichters Pablo Neruda, der in vielem an VictorHugo erinnert – ein Canto Grande, ein Großer Gesang über die Natur, ein moderner Psalm über die zugleich unfassbare Schönheit und unbarmherzige Grausamkeit der Schöpfung. Hugo ist ein Naturmystiker, dem jedes Gras, jede Blüte, jedes Tier vom Insekt bis zu den großen Lebewesen im Meer und am Himmel namentlich vertraut ist.

Unweigerlich stellt sich die Erinnerung an einen anderen großen Liebhaber der Natur ein: Franz von Assisi, der in allen Lebewesen seine Schwestern und Brüder erkannte und in einem der berühmtesten Gedichte des hohen Mittelalters ein naturmystisches Sprachkunstwerk – den Sonnengesang – schuf, dem die poetische Kraft des Schöpfungsgesangs Hugos nicht nachsteht: „Das Schöne und das Hübsche hielten gute Nachbarschaft; das Prächtige vervollkommnete sich durch das Anmutige; das Große hinderte nicht das Kleine; kein Ton des Konzertes ging verloren; der großartige Prunk des mikroskopisch Kleinen hatte seinen Platz in der gewaltigen universellen Schönheit…“ (S. 516).

Das Meer

So unfassbar alles ist, das auf der Erde lebt und webt, so gewaltig und unergründlich ist auch das Meer in seiner Ausdehnung und dunklen Tiefe. Die Maßlosigkeit der Ozeane übersteigt all unser Begreifen und sprengt all unsere Vorstellungen. Durch nichts und niemanden ist ihre verschwenderische, unerschöpfliche Energie zu begrenzen. Wir sind ein bloßes Nichts angesichts dieser Überfülle.

Hier, in der unauslotbaren Tiefe der Meere, liegt auch unser eigener Ursprung, sind Geburt und Leben und Tod Nachbarn wie sonst nirgends: „Ins Innere des Meeres schauen heißt die Imagination des Unbekannten sehen, sie von seiner schrecklichen Seite sehen. Der Meeresschlund gleicht der Nacht. Auch hier gibt es Schlaf, zumindest scheint das Gewissen der Schöpfung zu schlafen. Hier vollziehen sich völlig unangefochten die Verbrechen von Kreaturen, die keiner Verantwortung unterliegen. Hier gehen, in einem grässlichen Frieden, unfertige Wesen, Phantome fast, doch Dämonen ganz und gar, den grausamen Geschäften der Finsternis nach“ (S. 183f.).

Das Böse

Hier unten auch, so erfahren wir, lauert das Böse. Hugo führt es uns vor in Gestalt eines Kraken, der sich in seiner ganzen schleimigen Ungeheuerlichkeit dessen bemächtigt, der ihm zu nah kommt. Auch dies, das Verschlagene, Hinterlistige, Zerstörerische, das uns lähmt und aussaugt und vernichtet, ist Teil der Schöpfung und doch zugleich auch – in unerträgliche Dissonanz – „Strich durch die Schöpfung“ (S. 336). Es lauert im Meer, und darum lauert es auch in uns, ob es uns gefällt oder nicht: „Wenn Gott will, glänzt er auch mit Abscheulichem“ (S. 409).

Victor Hugo, Zeitzeuge am Sonnenaufgang der Moderne, lässt sich nicht täuschen: Zu groß sind die Mächte und Gewalten, als dass der Mensch, das denkende Tier, je Herr über sie werden könnte. Trotz aller Klarheit der Vernunft und trotz der „prächtigen Flamme … der sichtbaren Willenskraft“ (S. 330) bleibt es dabei: „Die Dinge haben ein finsteres non possumus“ (S. 328).

Der Wind

Über und in allem aber ist der Wind. Was wir je über das Wunder des Windes gelernt, gehört oder gelesen haben, ist nichts im Vergleich zu dem, was Die Arbeiter des Meeres über diese Urkraft der Schöpfung zeigen. Der Wind ist ein Mysterium wie das Meer. Er ist allgegenwärtig, alles belebend und alles bewegend, in tausendfacher Weise wirklich und doch unbegreiflich, sanftes Säuseln und ohrenbetäubender Orkan, von klirrender Kälte und brennend wie Glut. Der Wind trägt tausend Namen und ist doch nie bekannt, er ist unsichtbar und doch wirklicher als alles Wirkliche, er ist die Energie der Welt, und ohne den Windregte sich nichts: „Allgegenwart, das ist der Wind“ (S. 372).

Wer bloß der Geschichte des Romans folgen wollte, wird versucht sein, über die eindringlichen Meditationen Hugos hinwegzulesen, um beim Abenteuer rund um Gilliatt, Lethierry und Déruchtette zu bleiben. Wer es aber darüber hinaus mit dem Ganzen der Schöpfung und dem, was sie im Innersten zusammenhält, zu tun bekommen will, der folgt erregt und dankbar den Bildern des Windes, die Hugo vor uns aufspannt. Und wenn er sich dann an die Schöpfungsmythen des Alten Testaments erinnert, kann es passieren, dass ihn eine Ahnung ergreift, was gemeint sein könnte, wenn vom Atem Gottes die Rede ist, der ruach, dieser alles bestimmenden Lebenskraft Gottes, durch die die Welt erst lebendig und der Mensch erst Mensch und sogar der Tod überwunden wird.

Die sterile Formel der Trinität – Gott als Vater, Sohn und Heiliger Geist – verfliegt wie ein Nichts angesichts der wuchtigen Expressionen Hugos. Dass die Natur, dass Himmel und Erde, Mensch und Tier all unser kleinliches Begreifen übersteigen, das ist die Lehre des Windes, in dem der Geist Gottes da ist und schafft und regiert.

Gott

Dass dieser Gott – ein Wort, das so vergeblich ist angesichts dessen, was es anzeigen will, und das doch, weil es ein Menschheitswort ist, nicht ersetzbar ist – die Unbegreiflichkeit des Unbegreiflichen, eine Unbegreiflichkeit zweiter Potenz, ist, dürfte nach dem Gesagten zwingend sein. Wenn schon die Dinge sich jedem Begreifen entziehen und sich unserem Willen nicht fügen, um wieviel mehr gilt das für denjenigen, den wir am Grund und Ursprung und Ziel all dessen annehmen, was ist? Gott kann aus den geschaffenen Dingen mit Sicherheit erkannt werden, sagt die christliche Theologie, um der Vernunft des Menschen die Ehre zu geben. Doch das ist eine theologische Naivität, die sich angesichts der Unerkennbarkeit der geschaffenen Dinge selbst blamiert. Richtig muss es heißen: Gottes Unerkennbarkeit kann aus den geschaffenen Dingen mit Sicherheit erkannt werden.

Wer von Gott zu klein denkt, verliert ihn. So ergeht es Lethierry, dem Kandidaten der Moderne. Er kann sich Gott nur als Garanten seines Lebensglücks vorstellen. Andernfalls wird er Gott los: „Als Lethierry glücklich war, existierte Gott für ihn, sozusagen mit Fleisch und Blut; er sprach mit ihm, gab ihm sein Ehrenwort und drückte ihm manchmal fest die Hände. Doch als Lethierry ins Unglück geriet, da war Gott verschwunden – was übrigens recht häufig vorkommt; und zwar dann, wenn man sich einen guten Gott in Gestalt eines Biedermanns gemacht hat“ (S. 449).

Der Mensch

Bleibt zu sagen, was es mit dem Menschen auf sich hat, der in diese doppelte Unbegreiflichkeit gestellt ist: die der Schöpfung und diejenige Gottes. Vernunft und Freiheit, Sprache und Willen sind dem Menschen eigen. Sie begründen seine Stellung in der Welt, aber keineswegs, um sich die Welt untertan zu machen, wie eine ahnungslose Theologie behauptete, sondern um ihre majestätische Größe anzuerkennen und sich ihr in Demut zu fügen.

Nicht Wissenschaft und Technik, nicht Ökonomie und Macht geben dem Leben des Menschen demnach Sinn und Dauer, sondern – wer könnte es wagen, das auszusprechen, wennn icht ein Jahrhundertmensch? – das Gebet: „Das Gebet, die gewaltige Kraft, die der Seele eignet und die von gleicher Arti st wie das Mysterium, richtet sich an die Großherzigkeit der Finsternis; das Gebet sieht das Mysterium mit den Augen des Schattens selber an, und vor der zwingenden Starrheit dieses flehenden Blicks spürt man, dass das Unbekannte zu entwaffnen sei“ (S. 449). Das Gebet ist Ausdruck der wirklichen Möglichkeit, mit dem unbegreiflichen Gott ins Gespräch zu kommen; darin (ver-)birgt es eine mögliche Wirklichkeit: mit der unbegreiflichen Schöpfung zurechtzukommen.

Schluss

Die theologische Parabel, als die Die Arbeiter des Meeres hier versuchsweise vorgestellt werden sollten, ist ebenso wenig wie die Geschichte selbst ausgeführt. Es handelt sich bloß um eine Skizze. Aber schon die Skizze mag zeigen: Wir haben es mit einem elementaren Werk zu tun, mit einer (nach einem bekannten Wort Kafkas) Axt für das gefrorene Meer in uns. Gefragt, welches Buch er wohl auf eine einsame Insel mitnehmen würde, antwortete Bertolt Brecht bekanntlich: die Bibel. Bevor ich Die Arbeiter des Meeres las, hätte ich wohl auch so geantwortet. Nun aber bin ich mir nicht mehr so sicher…

 

Weitere interessante Essais:

„Hier beginnt ein Roman im Klassenzimmer.“

Wir sprechen mit dem frankoalgerischen Autor, Wissenschaftler und Politiker Azouz Begag über seine Beziehung zu Deutschland, Rassismus und die Macht der geschriebenen Worte

Lars Henk

RPTU in Landau

Gregor Schuhen

RPTU in Landau
Zum Beitrag
Trajectoires. Lebenswege in der Romanistik

Partie V: Prof. Dr. Teresa Hiergeist im Interview

Gregor Schuhen

RPTU in Landau

Lars Henk

RPTU in Landau
Zum Beitrag
In Radlerhose zur Ekstase

Der neue französische Shootingstar Zaho de Sagazan tourt durch Deutschland

Gregor Schuhen

RPTU in Landau
Zum Beitrag