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Franz Schultheis hat mehr als sein halbes Forscherleben mit und zu Pierre Bourdieu geforscht. Zunächst als Habilitand nach Paris zu dem französischen Soziologen gekommen, hat sich ihr Verhältnis aufgrund der engen Zusammenarbeit an verschiedenen Projekten inden 1980er und 1990er Jahren zu einer engen Freundschaft entwickelt. Aus nächster Nähe konnte Schultheis die Entstehung von Aufsätzen, Büchern und Forschungsanträgen, an denen er selbst mitbeteiligt war, beobachten. Schon in seinem Erfahrungsbericht Unternehmen Bourdieu (2019) hat Schultheis Zeugnis von Bourdieus gelebtem Ideal kollektiver wissenschaftlicher Praxis gegeben. Zur Kennzeichnung dieses Ansatzes greift er auf verschiedene Metaphern wie die des Dirigenten eines Orchesters, des Sporttrainers oder des Leiters einer Renaissancekunstwerkstatt zurück.
Nun hat Schultheis unter dem Titel Forschen mit Bourdieu. Werkstattbesuche 1958-2002 (2025) erneut ein soziobiographisches Werk vorgelegt, das den einander ablösenden Konstellationen kollektiven soziologischen Forschens im Leben von Bourdieu gewidmet ist. Lohnt sich die Lektüre der Fortsetzung? Um es gleich vorwegzunehmen: Auf jeden Fall! Zunächst einmal, weil Schultheis Bourdieus Forschungspraxis im Spannungsfeld zwischen kollektiver Forschung und singulärer Autorschaft problematisiert, wovon in dieser Form noch nichts in Unternehmen Bourdieu zu lesen war. Zweitens überzeugt der erweiterte Erfahrungsbericht aufgrund neuer Ergebnisse. Diese verdanken sich vor allem einer breiteren Quellenlage, derer sich Schultheis bedienen konnte. Tatsächlich begründet Schultheis seine Entscheidung, dem Erstling ein zweites Buch nachfolgen zu lassen, damit, dass er Zugang zu unveröffentlichten Briefen sowie Berichten aus dem Pariser Archive Bourdieu erhalten, neue Gespräche mit ehemaligen Weggefährten sowie -gefährtinnen von Bourdieu geführt und nach 2019 publizierte Studien eingearbeitet habe. Vor diesem Hintergrund stören gewisse Wiederholungen – Selbstplagiate, wie er allzu selbstkritisch einräumt – aus Unternehmen Bourdieu und anderen vorausgehenden Publikationen ganz und gar nicht.
Neue Erkenntnisse liefert Schultheis zunächst mit Blick auf Bourdieus Algerienaufenthalt. Haben er selbst und andere Forscher die autodidaktische Konversion vom Philosophen zum Ethnosoziologen im ‚Treibhaus Algerien‘ betont, rückt er nun die Zusammenarbeit mit dem INSEE – dem statistischen Landesamt in Frankreich – in den Fokus. So kann Schultheis zeigen, dass Bourdieus Aufsehen erregende Studien zu Fragen nach Vorstellungen von Arbeit und Ökonomie in Nordafrika den Arbeitstreffen mit den Statistikern enorm viel zu verdanken haben. Sie haben ihm die quantitativen Auswertungsmethoden sowie -schlüssel an die Hand gegeben, um sein Erkenntnisinteresse umzusetzen. In Algerien wird anders gesagt nicht nur der Ethnosoziologe Bourdieu geboren, sondern auch eine erste Konfiguration kollektiven Forschens, die für seine gesamte wissenschaftliche Laufbahn prägend sein wird.
Bourdieus Zusammenarbeit insbesondere mit den Statistikern Alain Darbel und Claude Seibel findet im Anschluss an seine Rückkehr nach Frankreich, so Schultheis, eine äußerst fruchtbare Fortsetzung: Tatsächlich mündet ihr gemeinsames Forschen in L’amour de l’art (1966) – eine epochemachende kultursoziologische Studie zur Verteilung von Museumsbesuchen in der französischen Gesellschaft. In dieser Phase seiner Karriere gewinnt die in Algerien erprobte Konfiguration wissenschaftlicher Praxis an Kontur: Es ist Bourdieu, der, so Schultheis, wie ein Regisseur die wissenschaftlichen Akteure und ihre Forschungsaktivitäten ins Bild setzt, um seine Projektidee erfolgreich umzusetzen.
Diesem (Selbst-)Verständnis von Bourdieus Rolle entspricht außerdem die Bezeichnung des Dirigenten. Schultheis beleuchtet ein unter anderem von Bourdieu 1965 in Arras organisiertes Kolloquium, das eine Reihe von innovativ denkenden jungen Soziologen und Ökonomen zusammenführt, um dem strukturellen Wandel im Nachkriegsfrankreich nachzugehen. In dem Zusammenhang äußert der anwesende Jean-René Tréanton, dass Bourdieu der Dirigent der Tagung und des daraus entstehenden Sammelbands gewesen sei. Regisseur und Dirigent – damit sind zwei entscheidende Metaphern zur Kennzeichnung der Rolle Bourdieus im Rahmen eines kollektiven Forschungsprozesses angesprochen, der sich kontinuierlich weiterentwickelt.
Dazu passt auch die zum ersten Mal vorgelegte Rekonstruktion der Bedeutung von Bourdieus Familie für dessen eigene Forschung. Zurück im Béarn hat sich Bourdieu bekanntlich der Analyse des Problems der Ehelosigkeit der erstgeborenen Landwirtssöhne verschrieben. Als Informanten hat er vor allem seinen Vater eingespannt, der ihm als Postbote die Tür zu den Junggesellen geöffnet hat. Seine Mutter, die in feines soziologisches Gespür hatte, hat er ebenfalls mit Arbeit beauftragt. Seine Eltern und auch seine Ehefrau sind somit wichtige Bestandteile seines Forschungskollektivs, das von ihm wiederum geleitet und orchestriert wird.
Angesichts der kontinuierlichen Entwicklung von Bourdieus kollektivem Forschungsgeist überrascht der von Schultheis identifizierte Bruch. Tatsächlich vollzieht sich dieser im Anschluss an seine Ernennung zum Soziologieprofessor am Collège de France. Nach dieser Konsekration rückt Bourdieu „als wissenschaftlicher und intellektueller Solist ins Rampenlicht“ (S. 128). In dem Zusammenhang verhandelt Schultheis ein Problem, das er auf die griffige Formel „Forschen im Kollektiv – Schreiben im Singular“ (S. 130) bringt. Damit ist die Spannung zwischen dem gemeinsamen Forschen und Publizieren erster Entwürfe und der singulären Arbeit an Monografien gemeint. Bourdieu überarbeitet frühere, mit seinen Mitarbeiter:innen publizierte Artikel, und veröffentlicht sie allein unter seinem Namen. Schultheis verteidigt Bourdieu nicht zuletzt im anschließenden Kapitel damit, dass es stets Bourdieu war, der für die Fragestellungen, Codierungen, Fragebögen und theoretisch-methodischen Entscheidungen verantwortlich gewesen sei.

Zusammengefasst ist Schultheis ein spannendes, originelles und sehr gut lesbares Buch gelungen, das, indem es über die Ergebnisse aus Unternehmen Bourdieu hinausgeht, wertvolle Einblicke in die Entstehung und Entwicklung spezifischer Konstellationen kollektiven Forschens erlaubt. Als Leser kann man deshalb die Reprisen problemlos verschmerzen. Wünschenswert wäre allerdings gewesen, de nGründen für die mehr angedeuteten als behandelten Zerwürfnisse zwischen Bourdieu und einigen seiner engsten Mitstreiter nachzugehen. Diese könnten, so eine mögliche Vermutung, tatsächlich im Umfeld des Spannungsverhältnisses von gemeinsamer Forschung, Co-Autorschaft und Veröffentlichungen im Singular liegen – was für ein Rahmen böte sich besser zur Verhandlung dieser und anderer Leerstellen der Bourdieu-Forschung an als eine Biographie? Es wäre gewinnbringend, wenn Franz Schultheis ein solches Vorhaben in Angriff nähme.
Franz Schultheis (2025): Forschenmit Bourdieu. Werkstattbesuche 1958-2002. Bielefeld: transcript, 246S
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