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Anlässlich der Oscar-Verleihung 2017 wurde eine fast neunzigjährige Künstlerin mit dem Ehrenpreis ausgezeichnet. Sichtbar vor aller Welt ehrte die Academy in Person der Laudatorin Angelina Jolie die Französin Agnès Varda für ihr originelles Lebenswerk, das längst kanonisch gewordene Filme wie "La Pointe courte", "Cléo de 5 à 7" und "Sans Toit ni Loi" umfasst. Die Autodidaktin habe auf einzigartige Weise die Schönheit des Alltags eingefangen – mal in Form einer Dokumentation, mal als Spielfilm. Sie habe das Leben, die Probleme und das Glück der ‚Menschen von nebenan‘ geadelt. Nicht nur thematisch, sondern auch ästhetisch sei sie ihrer Zeit weit voraus gewesen, wie die ihr regelmäßig gewidmete Würdigung ‚Großmutter‘ der Nouvelle Vague eindrücklich unterstreiche. Doch damit nicht genug: Die überzeugte Feministin Varda habe Generationen von Frauen die Kraft und den Mut gegeben, sich in dem von Männern dominierten Feld des Films einzubringen und selbst Filme zu machen. Varda zeige den Weg, so Jolie.

Die Rekonstruktion von Vardas eigenem (Lebens-)Weg liegt nun endlich in Buchform vor. Die Filmkritikerin Carrie Rickey, mit Varda persönlich bekannt, hat eine lesenswerte Biografie zu Agnès Varda (2024) geschrieben, die ihre eigene ‚Autobiographie‘ in Agnès par Varda (1994) – eine Art Selbst(be)schreibung in Stichworten – aus der Außenperspektive ergänzt. Die von FAZ-Filmredakteur Bert Rebhandl angefertigte Übersetzung ins Deutsche ist vorwenigen Wochen unter dem Titel Filmemacherin, Künstlerin, Feministin. Eine Biografie im Leipziger Henschel Verlag erschienen. Inhaltlich strukturiert wird das Buch von sechzehn Kapiteln in drei Teilen. Sie entsprechen Vardas Zugängen zur Kunst im Spiegel des jeweils privilegierten Mediums, das heißt der Fotografie, dem Film und den von ihr kuratierten (Selbst-)Ausstellungen.
Wenig überraschend geht Rickey chronologisch vor, beginnend mit Vardas Geburt im belgischen Ixelles im Brüsseler Umland. Als drittes von fünf Kindern erblickt Arlette Varda 1928 das Licht der Welt. Ihre Eltern Eugène und Christiane verlassen Belgien aufgrund des Zweiten Weltkriegs und des damit verbundenen deutschen Angriffs und siedeln kurzfristig in das südfranzösische Sète über. Doch die Vardas zieht es kurze Zeit später weiter nach Paris, wo ihre erste Tochter Hélène bereits geboren wurde. Dort erleben sie die Besatzung und endlich die Befreiung: Der Krieg hat ein Ende! In der Hauptstadt schließt Arlette ihre Schulausbildung ab, zieht mit Freundinnen ins Künstlerviertel,versinkt in den Gedichten von Baudelaire und lässt ihren Vornamen aktenkundig in Agnès ändern. Dieser performative Akt ist, wie Rickey deutlich macht, ein entscheidender Moment in ihrem noch jungen Leben. Es ist eine Selbstermächtigung, Arlette wird Agnès und damit die Autorin ihres eigenen Lebens, das fortan der Kunst gewidmet sein wird. So schreibt sie sich in der École du Louvre ein, einer Art Kunstschule, und belegt Philosophiekurse an der Sorbonne. Ermüdet von der Trockenheit der Seminare und der Lektüren, wovon sie ausdrücklich ihren Professor Gaston Bachelard ausnimmt, bricht sie ihr Studium ab und entscheidet sich stattdessen für eine Lehre zur Fotografin. Kunst ist und bleibt für Varda immer (auch) ein Handwerk, in dem Handgriffe und Kreativität verschmelzen, um erschaffen zu können. Es ist ein zentrales Verdienst von Rickey auf diese Dimensionen hinzuweisen und deren Wurzeln in einem Aufenthalt auf Korsika auszumachen, wo sich die fast Zwanzigjährige als Fischerin verdingt– Netzflicken inklusive. Rickey hat auch einen guten Blick für das soziale Kapital, von dem Agnès schließlich profitiert. So kann sie für den Freund der Familie Jean Vilar dessen Theaterfestival in Avignon 1948 fotografieren, ein willkommener Anlass, um Leute aus einem neuen, noch unbekannten Universum kennenzulernen. Es sind Erlebnisse wie dieses, die in Varda den Wunsch reifen lassen, den eingeschlagenen Weg fortzusetzen, also als Fotografin zu leben. Ein passendes Studio findet sie im 14. Arrondissement. Schließlich kann sie ihren Vater davon überzeugen, ihr ihren Traum finanziell zu erfüllen – den nächsten Karriereschritten und ersten Liebschaften mit Künstlern und Künstlerinnen steht nichts mehr im Wege.
Rickey macht sehr schön deutlich, dass die Kunst der Sauerstoff ist, den Agnès atmet. Für Varda sei, so eine überlieferte Anekdote, die künstlerische Revolution des Kubismus wichtiger gewesen als der russische Umsturz 1917. Rickey zeichnet nach, wie sich die junge Frau, die kaum eine Handvoll Filme gesehen hat, mit viel Akribie in das Filmemachen stürzt. Sie beleuchtet auch, wie steinig der Weg der Autodidaktin zur (institutionellen) Anerkennung war, schreibt über Freuden- und Leidenstränen angesichts von beruflichen (Miss-)Erfolgen. Sie fängt das Glück ein, das Agnès empfindet, Mutter zu werden, verweist auf die unkomplizierte Beziehung, die Varda und Bourseiller nach der Trennung verbindet. Rickey dringt sodann zum Kern ihres Lebens vor. Sie erzählt ohne Pathos, ohne Kitsch die Liebesgeschichte zwischen Agnès und Jacques Demy, eine Partnerschaft voller Vertrauen und gegenseitiger Unterstützung, etwa wenn Deadlines das Ehepaar das ganze Wochenende einen Projektantrag schreibend ans Bett ketten – aber auch von der bitteren Enttäuschung angesichts der zwischenzeitlichen Trennung, von der Agnès tiefgetroffen ist. Mit seinem Partner zieht Jacques in die Nähe von Agnès, um für Vardas Tochter Rosalie und den gemeinsamen Sohn Mathieu da zu sein. Co-Parenting – auch in dieser Hinsicht war die Familie Varda ihrer Zeit voraus! Demys Tod – einer HIV-Infektion geschuldet, wie Varda Jahrzehnte später erzählen wird – ist und bleibt die große Wunde in ihrem Leben. Jacques hat die erfolgreichste Zeit im Leben seiner Frau nicht mehr miterlebt. Ein Denkmal hat Varda ihrem Ehemann mit Jacquot de Nantes (1991) gesetzt.
Als Varda schließlich mit 90 Jahren ihrer Krebserkrankung erliegt, muss sich die Filmwelt nicht nur von einer wegweisenden Künstlerin verabschieden, sondern auch von einer Feministin, die für die Rechte von Frauen sowohl im Männerbusiness Film als auch in der Gesellschaft eingetreten ist, und einer inspirierenden, warmherzigen Persönlichkeit, deren Leben stets der Kunst gewidmet war. Ein langes Leben, das in (bewegten) Bildern, in Sätzen festgehalten wurde und das vor Kreativität nur so gestrotzt hat. Das ist das Erbe von Agnès Varda, das sich nach der Lektüre der Biografie von Carrie Rickey noch besser verstehen lässt.
Carrie Rickey: Filmemacherin, Künstlerin, Feministin. Eine Biografie,übersetzt von Bert Rebhandl. Leipzig: Henschel, 2025, 312S.
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