Proust ist schon irgendwie ein guter Schriftsteller

von Henri Kurz

Veröffentlicht am
19.5.22

Lea Sauer

Universität Koblenz-Landau
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Meine erste Begegnung mit Proust fand im Sommer 2019 statt. Ich hatte eine zweimonatige Asienreise mit meiner Freundin geplant und belud meinen E-book-Reader entsprechend mit Reiselektüre. Als pflichtbewusster Romanistikstudent durfte etwas horizonterweiterndes auf Französisch nicht fehlen und so fiel nach reiflicher Überlegung die Wahl auf die Recherche, weil ich irgendwo einmal gehört hatte, dass darin Madeleines vorkommen, und sie im Thalia-E-Book-Shop 1,79 Euro kostete. Besonders gut vorbereitet fühlte ich mich, da ich zudem ein Wörterbuch auf den Tolino lud, das die Lektüre zu einem leichten abendlichen Genuss an laotischen Stränden zu machen versprach. Weit gefehlt.

Bereits während des Fluges übersprang ich nach wenigen Seiten missmutig das Vorwort und an den darauffolgenden Abenden war es mir unmöglich, im Bett – viele Absätze mehrfach lesend, ohne im Nachhinein auch nur die Hälfte davon paraphrasieren zu können – zwei Seiten zu bewältigen ohne über der Recherche einzuschlafen. Leider musste ich feststellen, dass die Recherche nicht nur aufgrund ihres Umfangs kein Werk ist, das sich gut in Doppelseiten-Dosen lesen lässt, denn nicht selten wusste ich am nächsten Tag nicht mehr genau, was und wie weit ich gelesen hatte, und um nahtlos an die Gedankengänge im mäandernden Bewusstsein des Erzählers anzuknüpfen, griff ich die Lektüre am besten mindestens eine Seite vor der Stelle auf, an der ich geendet hat.

Dieses und weitere Probleme schob ich zunächst auf den Jetlag sowie das tropische Klima, und hätte mich jemand gefragt, wie mir die ersten Seiten gefielen, so hätte ich vermutlich geantwortet: Eine skurrile Mischung aus verworrenen Erinnerungen und dem Trip eines Typs mit Schlafstörungen, etwas philosophisch aufbereitet und gerade merkwürdig genug, um den Wunsch zu wecken, mehr davon zu verstehen.

Nach rund 30 der insgesamt 2771 Seiten gab ich mich dennoch vorerst geschlagen und genoss den Urlaub.

Der Hauptgrund, der mich somit dazu bewegte, im Wintersemester 21/22 „Proust lesen“ zu belegen, war also mein verletzter Stolz.

Bereits beim ersten Treffen war ich sehr erleichtert, dass dies kein reines „Wir-lesen-jede-Woche-20-Seiten-und-reden-darüber“ Seminar sein sollte, sondern außerdem eine Anleitung, Proust zu lesen. Das Verständnis, welche Rollen die Figuren im Roman einnehmen, welche Personen und Ideen Einfluss aus Prousts Schaffen hatten und warum sich hinter jeder noch so unschuldig anmutenden Szene Sex verbarg, half mir sehr, die Recherche flüssiger zu lesen und eröffnete mir eine ganze Welt von Überlegungen, von denen ich nicht wusste, dass ich sie schon immer einmal nachvollziehen wollte.

Als angehender Chemie-Lehrer bin ich ein großer Fan von Konzepten. Ein nicht unbedeutender Teil naturwissenschaftlichen Unterrichts besteht in der Aufgabe dafür zu sorgen, dass sich alle Schüler und Schülerinnen unter Begriffen wie Energie, Stoff-Eigenschafts-Beziehung oder Reaktion, die meist schwieriger als erwartet mit Bedeutung zu füllen sind, in etwa das gleiche vorstellen. Neben der Tatsache, dass für die Lernenden diese Begriffe bis dahin vergleichsweise bedeutungsleer sind, wird dies durch den ebenso umfangreichen wie antiquierten Lehrplan erleichtert. Auch in der Recherche werden viele Konzepte mit Bedeutung versehen, allerdings meist weit entfernt von jenem, was sich der „belanglose Müßiggänger“ darunter vorstellt.

So schafft es Proust irgendwie, die Liebe, von der die meisten, so abstrakt sie auch ist, doch eine vergleichbar ähnliche Idealvorstellung (die romantische Version) haben, als ein Phänomen zu skizzieren, dass rein vom Liebenden ausgeht und an Intensität zunimmt, je mehr ihr Objekt sich entzieht – und diese Konzeption nicht nur nicht zwangsläufig pessimistisch, sondern so plausibel und selbstverständlich aussehen zu lassen, dass man durchaus ins Grübeln kommen kann.

Ähnlich verhält es sich mit der Erinnerung oder dem Schriftsteller, dessen Aufgabe darin besteht, bereits vorhandene Kunst zutage zu fördern, zu übersetzen – Konzepte die überschrieben werden, und sobald man sich ihrer bewusst ist, findet man auf jeder Seite neue kuriose Hypothesen, die sie erweitern und weiterentwickeln.

Überrascht hat mich zudem, wie aktuell viele der angeschnittenen Themen und besonders Wesenszüge auch im Zeitalter des Internets noch sind. Das Erwarten einer sofortigen Nachricht nach dem ersten Date und regelrechtes Stalking, statt Facebook über Mittelsmänner, sind nur zwei der Verhaltensweisen, die subtil humorvoll geschildert werden.

Dass Proust dabei Unglaubliches vollbracht hat, merke ich jedes Mal, wenn ich abends begeistert meiner Freundin von meinen neuen Lektüreerkenntnissen berichte und dabei – halb belustigte, halb mitleidige Blicke erntend – erkenne, dass meine Gedankengänge als Bauwerk wohl eher einer Hundehütte denn einer Kathedrale gleichen.

Proust scheint eben schon irgendwie ein guter Schriftsteller zu sein.

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