Proust und gemischte Gefühle

von Liz Trierweiler

Veröffentlicht am
19.5.22

Lea Sauer

Universität Koblenz-Landau
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Proust und ich hatten bereits eine Vorgeschichte bevor ich dieses Seminar besucht habe. Als Absolventin einer Sprachenklasse in Luxemburg ist mir Proust zwei Jahre lang nur indirekt begegnet. Ich wusste, dass es ihn mal gegeben hat und dass er die wohl längsten Sätze der französischen Literaturgeschichte geschrieben hat, ich wusste von der Madeleine und ich wusste, dass er im Abi-Prüfungsprogramm stand. Bis es im dritten Jahr soweit war, habe ich mir aber darüber nicht weiter Gedanken gemacht.

Unser Abitur war in zwei Teile aufgeteilt, einmal eine literarische Erörterung und einmal eine Textanalyse. Der unbekannte Text sollte von einem der vier im Jahr behandelten Schriftsteller stammen. Beim Gedanken an die Textanalyse hatte ich eigentlich ein gutes Gefühl, meine Stärke war es schließlich, Gedichte in ihre Einzelteile zu zerlegen und jedes kleine Detail zu analysieren. Gedichte waren bekanntes Terrain, und drei der vier Schriftsteller, die wir im Jahr kennenlernten sollten, waren Lyriker: Baudelaire, Éluard und Verlaine. Bei dem vierten handelte es sich um Proust. Bei Baudelaire konnte ich die düsteren Themen Stück für Stück auseinandernehmen, Éluard fesselte mich mit den Stilmitteln seiner Gedichte und bei Verlaine konnte ich in eine andere Welt eintauchen. Doch Proust machte mir einfach Angst. Es waren zu viele unbekannte Wörter, zu lange Sätze, zu viele Themen und zu viele Bücher. Während ich bei den anderen Autoren viele ihrer Werke kannte und lesen konnte, um zu hoffen, dass genau dieses Gedicht als unbekannter Text auftauchen würde, saß ich bei Proust vor einem Berg dessen Gipfel ich nie erreichen würde. Ich konnte nur hoffen, dass er genau wie die 15 Jahre davor, nicht ausgewählt werden würde. Und ich hatte Glück.

Nach meinem Abi habe ich nur noch an Proust gedacht, wenn ich einen Madeleine-Moment erlebte oder über meine Französischlehrerin gelästert habe. Bis ich für das Modul «Freies Studium» nach Romanistik-Seminaren gesucht habe. Als ich den Namen Proust gelesen habe kamen sofort Erinnerungen an die langen Sätze und die komplizierten Wörter hoch, aber auch eine gewisse Nostalgie bei dem Gedanken, einem Autor, den ich bereits kannte noch einmal neu zu begegnen. Denn ich konnte mich auch daran erinnern, dass mir die Sprache trotz ihrer Schwierigkeit gefallen hat, dass manche Szenen so bildlich beschrieben waren, dass ich sie jetzt noch vor meinem inneren Auge sehe und die Stimmung noch spüre.

Also habe ich mich für das Seminar angemeldet und ich glaube, es ist mir schon lange nicht mehr so schwer gefallen ein Buch zu lesen. Ich habe gemerkt, wie schnell die Beschreibungen irgendwann nur noch aneinander gereihte Wörter wurden, deren Kontext ich nicht mehr erfassen konnte, weil die Sätze so lang waren, dass ich am Ende den Anfang schon wieder vergessen hatte. Es ist anstrengend, dass es von Anfang an keine chronologische Erzählung gibt und man so schnell den Faden verliert zwischen den verschachtelten Erinnerungen, die in verschachtelten Sätzen erzählt werden. Mein Anspruch an mich selbst, das Buch zu genießen, wurde sehr schnell zu «Ich muss dieses Buch irgendwie lesen». Ich kann auch ehrlich zugeben, dass ich manche Seiten überflogen habe und nach wichtigen Momenten gesucht habe und dass es mir schwerfällt, mich an jede einzelne Szene zu erinnern, weil sich in meinem Kopf alles vermischt hat und die einzelnen Momente ineinander fließen.

Ich bin anfangs mit einem mulmigen Gefühl in das Seminar gekommen, wissend, dass ich nicht jede Seite genau gelesen hatte und es mir schwerfallen würde, die Ereignisse zusammen zu fassen. Doch durch die Gruppendynamik fiel es mir immer leichter, die Erzählungen auch für mich selbst zu verstehen und zu interpretieren. Die bewusste Analyse einzelner Passagen statt nur des Gesamtwerkes machte den Roman nahbarer und ich begann die einzelnen Szenen wie ein Gedicht zu betrachten, das man gut Wort für Wort auseinanderpflücken kann. Die Beschreibungen der Umgebung, die Symbolik, die hinter verschiedenen Wörtern und Motiven verborgen liegt und so die Bedeutung der einzelnen Szenen fasziniert mich. Proust verwendet Stilmittel, die oft nur in der Lyrik Gebrauch finden und so schnell in einem Roman mit viel Inhalt untergehen. Ich denke hier an einen der ersten Momente des Romans, in dem der Erzähler beschreibt, wie es sein muss, krank und schlaflos im Bett zu liegen oder an die Beschreibung der Natur während des Spaziergangs Richtung Méséglise, die gefüllt ist von erotischen sous-entendres. Als Person, die von Schreibstilen manchmal beeindruckter ist als vom Inhalt an sich, musste ich zuerst die beiden Aspekte miteinander verknüpfen. Aber auch der Inhalt des Romans und die Themen, die Proust anschneidet, sind für die Zeit natürlich etwas Besonderes. Seine Darstellung von Homosexualität, aber auch Sexualität im Allgemeinen, kann man schon fast als skandalös für die damalige Zeit beschreiben, und es gibt bestimmt Menschen, die nach der Interpretation solcher Passagen das Buch zur Seite legen würden. Die Weißdorn-Szene und ihre Analyse haben mich stark an Bilder aus Thomas Mann Roman Der Tod in Venedig erinnert, in dem zum Beispiel eine pralle Erdbeere als Phallus-Symbol genutzt wird. Diese Symboliken bleiben im Kopf hängen, wenn man sie einmal gesehen hat, und man wird immer eine Verknüpfung zwischen den Gegenständen und ihrer Sinnbehaftung in der Literatur herstellen.

Proust stellt aber auch Momente dar, die wahrscheinlich jeder schon in einer abgeschwächten Form erlebt hat. Wir fühlen mit, wenn das Kind abends alleine im Bett liegt und sich nach Liebe der Mutter sehnt, sich verlassen fühlt, und wir können die Eifersucht Swanns nachvollziehen, genau wie das Gefühl, Zeit mit einer Person verschwendet zu haben. Obwohl das Werk oftmals so abstrakt erscheint, werden hier sehr menschliche und normale Erfahrungen porträtiert, wenn auch auf eine intensivere Art und Weise.

Was mich auch sehr beeindruckt hat, ist die Art, in der Proust es schafft, Erinnerungen darzustellen und zu zeigen, dass sie nicht immer linear verlaufen, sondern sich ineinander verschachteln und in unseren Köpfen immer mehr miteinander verwoben sind als man es gerne hätte. Wenn man sich an Momente erinnert, gibt es nie ein klares Bild, man sieht sich selbst manchmal sogar wie von oben betrachtet als würde man über dem Raum schweben. Dieses Gefühl von klaren Sinneseindrücken vermischt mit starken Gefühlen und einzelnen Momenten, die so klar wie ein Foto vor unserem inneren Auge schweben, schafft Proust in seinen langen Sätzen abzubilden.

Genau das, was Proust so anstrengend macht, macht ihn auch so lesenswert. Ich weiß nicht ob ich das Werk je ganz lesen werde aber Du côté de chez Swann war einen Versuch wert, und vielleicht werde ich mir einfach manchmal Szenen aussuchen, um sie auseinander zu pflücken und die ganze Symbolik dahinter zu verstehen, denn ich habe gemerkt, wie sehr das mir gefehlt hat.

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