Oh, ihr Menschenbrüder

Albert Cohens Plädoyer gegen Hass und Hetze endlich auch auf Deutsch

Veröffentlicht am
14.6.2024
Melanie Koch-Fröhlich

Melanie Koch-Fröhlich

Albert-Ludwigs-Universität Freiburg
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Vor über 50 Jahren erschien Albert Cohens autobiografisch inspirierter Kindheitstext Ô vous, frères humains. Mehr als ein halbes Jahrhundert später liegt nun endlich auch die deutsche Übersetzung dieser als universelle Parabel angelegten und doch hochintimen Erzählung vor. Dass der Sprachzauberer und Pléiade-Autor Cohen (1895-1981) hierzulande selbst in Fachkreisen nach wie vor als großer Unbekannter gilt, ist ebenso bedauerlich wie rätselhaft. Umso erfreulicher also, dass der Politologe und Historiker Ahlrich Meyer jetzt mit seiner Übersetzung diesem beklagenswerten Zustand etwas entgegensetzen kann.

Der immensen zeitlichen Verzögerung zum Trotz hat der Freiburger ça ira-Verlag das Erscheinungsdatum klug gewählt,durchleben wir doch gegenwärtig eine Zeit, in der Antisemitismus, Rassismus und Muslimfeindlichkeit weltweit erstarken. Meyers Übersetzung ist also ein Buch der Stunde. Die Handlung der sich in Marseille zutragenden Begebenheit sei rasch erzählt: Just an seinem zehnten Geburtstag wird der kleine Albert Opfer eines antisemitisch motivierten Affronts:  Ein Straßenhändler, der eine neugierige Menschentraube um sich schart, glaubt, in der Menge einen Juden zu erspähen. Grund genug, ihn mit einer Hasstirade aus dem Kreis der Schaulustigen zu verstoßen. Verängstigt und orientierungslos durchstreift Albert fortan die Straßen der Stadt, deren azurblauer Himmel trügerisch ist: Zu tief hängen dort noch immer die dunklen Wolken der Dreyfus-Affäre. Zum allerersten Mal nimmt Albert die auf zahlreichen Hauswänden prangenden antisemitischen Sudeleien wahr – diffamierende Parolen, die ihn in vermeintlich vertrauter Umgebung zum unerwünschten Fremden deklarieren. Vorübergehend sucht der Junge in einer Bahnhofstoilette Zuflucht, ehe er seine ziellose Wanderschaft bis tief in die Nacht hinein fortsetzt.

Über dieses Kindheitstrauma sprach Cohen erstmals in dem kurzen Text Jour de mes dix ans, der 1945 in der Exilzeitschrift La France Libre abgedruckt wurde. Im Jahr 1972 ging aus dieser Erstversion die Erzählung Ô vous, frères humains hervor. Seinen osmanischen Pass hatte der 1895 als Sohn jüdischer Eltern auf Korfu geborene Cohen gegen den 1919 im Kanton Aargau erworbenen Schweizer Pass eingetauscht. Die Eltern waren um die Jahrhundertwende als Wirtschaftsflüchtlinge, aber auch aus Angst vor weiteren, gegen die jüdische Inselbevölkerung wütenden Pogromen aus der ionischen Heimat geflohen, um sich in Marseille eine neue, vorethnisch-religiösen Unruhen sicher erhoffte Zukunft aufzubauen. Doch selbst in jenem Eldorado, das den Juden im Zuge der Revolution die vollen Bürgerrechte zuerkannt hatte, konnte die Familie dem überall auf der Welt grassierenden Antisemitismus nicht entkommen.

Wiewohl gleich mehrere von Cohens bekanntesten Werken bereits seit Längerem auf Deutsch vorliegen (wie z.B. Die Schöne des Herrn oder Das Buch meiner Mutter), ereilte sie schon früh der Ruf der Unübersetzbarkeit. Begründen mag man dies mit Cohens schier unerschöpflichem Sprachrepertoire, das dem Schriftsteller und Proust-Übersetzer Michael Kleeberg zufolge von „Elegie“ bis „Kracher“ reicht. In Ô vous, frères humains ist der sprachliche Radius jedoch enger gesetzt. Hier erklingt eine an die hebräische Bibel erinnernde Klagemelodie, die in immer neuen Variationen durch den gesamten Text mäandert. Virtuos gelingt es Ahlrich Meyer, diese auch für französische Ohren gewöhnungsbedürftigen Töne für das deutsche Lesepublikum zu rearrangieren.

Neben der durchgängig aufrechterhaltenen hohen sprachlichen Qualität überzeugt Meyers Fassung durch das die Erzählung sinnvollergänzende Nachwort. Für erklärungswürdig hält der Übersetzer beispielsweise die problematische Vokabel race, die er folgerichtig auf zweierlei Weise wiedergibt: Jüdisches „Volk“ heißt es immer dann, wenn race in positivem Wortsinn eine Gruppenzugehörigkeit markiert (und es sei hinzugefügt, dass viele jüdische Intellektuelle selbst den Begriff der Rasse so gebrauchten, ehe er durch die Nationalsozialisten eine ideologische Umdeutung erfuhr). In der diskriminierenden Sprache des Straßenhändlers ist dagegen wortwörtlich von jüdischer „Rasse“ die Rede.

In einem anschließenden biografischen Teil beleuchtet Meyer das von vielerlei Stationen durchzogene Leben des kosmopolitischen Schriftstellers, wobei er sich im Sinne einer rezeptionserleichternden Textlektüre auf einzelne ausgewählte Etappen beschränkt. Cohens unermüdlicher Kampf für Menschenwürde verdient an dieser Stelle besondere Erwähnung. Nicht von ungefähr bezeichnete der studierte Jurist als sein schönstes Buch jenen zwischen 1944 und 1946 im Auftrag für das Internationale Flüchtlingskomitee konzipierten Reisepass, der Abermillionen von staatenlosen Flüchtlingen die offizielle Anerkennung als Rechtssubjekte garantierte. Vor diesem Hintergrund überrascht es nicht, dass Cohens literarisches Wirken stets eine klare ethische Handschrift trug.

In Ô vous, frères humains ist diese deutlich zu erkennen; insbesondere dann, wenn der Erzähler, ans Ende der Geschichte gelangt, der Vergangenheit den Rücken kehrt und die Gegenwart visiert. Nunmehr weichen die Bilder der Erinnerung einem flammenden Plädoyer für ein besseres Miteinander im Hier und Jetzt. Um Nächstenliebe geht es Cohen dabei allerdings nicht. Auf eine solchermaßen realitätsferne Form der Liebe sei schließlich kein Verlass. Weshalb das Christentum eine derart unerfüllbare Weisung zum Hauptgebot erhob, will sich dem Autor nicht erschließen. Mit dieser Positionierung ist Cohen, ganz wie einst Sigmund Freud in Das Unbehagen in der Kultur, der altjüdischen Tradition sehr nah.

Doch auch ohne theologisches Hintergrundwissen ist Cohens mit Pathos vorgetragener Appell unmittelbar verständlich. Denn was der Autor leitmotivartig heraufbeschwört – und für diese gebetsmühlenartig wiederkehrenden Worte findet Meyer die gewünschte sprachliche Präzision –, ist eine ihrem Kern nach ausgesprochen schlichte Botschaft: Nur der uns alle früher oder später ereilende Tod ist unmissverständlicher Ausdruck dafür, dass der Mensch des Menschen Bruder ist. Dieses Wissen um den Tod zwingt uns in einen ranggleichen Dialog von Mensch zu Mensch hinein. Und dieser Dialog fußt auf einem gegenseitigen, von Mitleid geleitetem Wohlwollen: „Habt Mitleid miteinander, Mitleid mit eurem gemeinsamen Tod, und möge aus diesem Mitleid mit dem Nächsten und seinem sicheren Tod, dem Mitleid mit unserem gemeinsamen Unglück und Schicksal, möge aus diesem einsamen Mitleid schließlich eine bescheidene Güte erwachsen, wahrhaftiger und ernsthafter als die anmaßende Nächstenliebe, […].“  Es ist diese simple Wahrheit, die den Menschen dazu bringt, sein bisheriges Verhalten neu zu überdenken.

Parallel zur Lektüre der deutschen Übersetzung oder des französischen Originals empfiehlt sich ein Blick in die 2016 erschienene Graphic Novel-Adaptation des französischen Zeichenkünstlers Luz. Sie entstand als Antwort auf den im Januar 2015 verübten islamistischen Terroranschlag auf die Redaktion der Satirezeitschrift Charlie Hebdo, dem Luz nur dank eines Zufalls entkam. Luz’ in strengem Schwarz-Weiß gehaltene Bildersprache, die Alberts Schmerz auf fast schon erdrückende Art und Weise nahbar macht, ist universell verstehbar – ein Anspruch, den sie mit Cohens Erzählung, die trotz ihres klaren historischen Stempels ganz und gar zeitlos ist, zweifelsfrei teilt.

 

Albert Cohen: Oh, ihr Menschenbrüder. Aus dem Französischen übersetzt und mit einem Nachwort versehen von Ahlrich Meyer. Freiburg/Wien: ça ira-Verlag, 124 S.

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