Zurück zu Schönheit und Schrecken eines ‚kleinen Landes‘

Gaël Faye erzählt in „Petit Pays“ vom Aufwachsen in Krieg und Völkermord in Burundi Anfang der 1990er Jahre

Veröffentlicht am
12.9.2022
Lea Sauer

Lea Sauer

Universität Koblenz-Landau
Hier klicken um den Beitrag runterzuladen

Lektüreempfehlungen lauern ja zuweilen überall: am Kaffeetisch mit Freundinnen, im Feuilleton, Social Media, Literaturblogs wie diesem hier, in den Bibliotheken und Buchhandlungen sowieso und seit neustem offenbar – zumindest in diesem Fall – auf der Musikplattform Spotify. Dort spülte mir vor weniger Zeit der Algorithmus Gaël Faye in meinen Daily Mix. Mit Hits wie „Chalouper“, „Boomer“ oder „Tôt le matin“ ist Faye in Frankreich längst eine Größe des Pop-Raps, für mich allerdings war er bis dato vollkommen unbekannt. Eine schändliche Wissenslücke, wie ich schnell feststellen musste, denn die Songs trafen nicht nur genau meinen aktuellen Geschmack, der in den vergangenen Monaten fast ausschließlich aus den (zugegeben verspätet) für mich entdeckten französischer ‚Chansoniers‘ Stromae, Dizis, OrelSan und Damso bestand, sondern Faye ist auch Autor mehrerer Bücher. Sein bisher bekanntestes, der Roman Petit Pays, ist bereits im Jahr 2016 erschienen, heimste ihm mehrere Preise ein und wurde längst ins Deutsche übersetzt. Auch diesbezüglich war ich also, wie man so schön sagt, late to the party. Da ich vermute, dass es vielleicht auch noch anderen so wie mir ergeht, und Faye sowie sein Debütroman, wenn auch keine Neuerscheinung im engeren Sinne, zumindest für einige, die dies nun lesen, eine Neuheit sein mag, scheint mir eine ‚nachgereichte‘ Rezension von Petit Pays durchaus angebracht. Denn dessen Entdeckung, dies sei gleich vorausgeschickt, lohnt sich durchaus.

Mit Petit Pays schließt Faye an den einige Zeit vor der Publikation des Romans erschienenen gleichnamigen Song an, der bereits einen melancholischen Blick aus dem Exil in den Pariser Vororten auf ein längst und für immer vergangenes Ruanda der Kindheit, vor dem Schrecken des Genozids, wirft. Der Roman ist sozusagen die Langform des Liedtextes, in dem die Trauer und Zerrissenheit, aber auch die Schönheit des „petit pays d'Afrique des Grands Lacs“ besungen wird.

So wird der Roman von einer Klammer zusammengehalten, in der die Entwurzelung, die mit der Exilierung zwangsläufig einhergeht, sofort auf schmerzliche Weise plastisch wird. Gabriel, der Erzähler, der uns hier Einblicke in sein Innerstes gewährt, ist Sohn eines französischen Arbeiters, der einstmals aus einem Dorf irgendwo in den Pyrenäen nach Burundi kam, um dort ein Unternehmen zu gründen, und dort Gabriels Mutter kennenlernte, eine Tutsi, die schon damals vor den Unruhen im Nachbarland geflohen war. Heute wohnt Gabriel in der Pariser Peripherie – obwohl: wohnen? Bereits da zeigt sich, was Exil bedeuten kann, denn, wie Gabriel gleich in den ersten Zeilen feststellt, ist eigentlich nirgendwo so recht zuhause, weil die ursprüngliche Heimat nicht mehr existiert: „Habiter signifie se frondre charnellement dans la topographie d’un lieu, l’anfractuosité de l’environnement. Ici, rien de tout ça. Je ne fais que passer. Je loge. Je crêche. Je squatte. Ma cité est dortoir et fonctionnelle.“ (dt.: „Wohnen bedeutet, mit der Topografie eines Ortes zu verschmelzen, den Körper in die Furchen und Spalten seiner Umgebung einzulassen. Nichts davon hier. Ich bin nur auf der Durchreise. Logiere. Hause. Kampiere. Die Siedlung ist funktional, eine Schlafstadt.“) Statt wirklich irgendwo zu leben, schwelgt er in Erinnerung an das Land, das ihn nicht loslässt, seine Tage vergehen wie im Traum, immer durch einen Schleier hindurch, nach der Arbeit trifft er sich mit flüchtigen Liebschaften und trinkt.

Von dort aus nimmt uns Faye mit zu den Ursprüngen der Entwurzelung, ins Burundi Anfang der 1990er Jahre, kurz vor den kriegerischen Unruhen der Region, damals als Gabriel noch Gaby genannt wurde und mit seinen Freunden in der „Sackgasse“ spielte. Eine normale Kindheit, so scheint es zunächst einmal. Die Jungs erzählen sich harmlose Geschichten, gehen im Fluss schwimmen, klauen Mangos aus den Nachbargärten – doch schon bald beginnt die heile Welt des Jungen zu bröckeln. Der erste Riss? Der Besuch eines Familienfreundes, dem Altkolonialisten Jacques, eskaliert im Streit und führt schließlich zur Trennung der Eltern, als das Thema ‚Heimat’ aufkommt. Der Vater will einfach nicht akzeptieren, dass sich die Mutter in Burundi auch nach Jahrzehnten noch nicht heimisch fühlt, schließlich sei sie doch, wie er ungeachtet der Tatsache, dass sie aus Ruanda geflohen ist, andeutet, als Afrikanerin eigentlich hier zuhause.

Eine gekonnte Familienkonstruktion des Autoren, denn so werden die komplexen, zunächst schwelenden Konflikte dieser Region, die nur wenig später in Bürgerkrieg und Völkermord münden, zuerst in Ruanda, dann auch im Nachbarland, von Beginn an im intimen Raum der Familie verhandelt. Die Ehe der beiden ist nicht nur deswegen problematisch, weil Rassismus auch vor der Liebe nicht Halt macht, sondern auch, weil Gaby selbst somit von Beginn an die privilegierte Stellung des Abkömmlings eines weißen Franzosen zukommt, eines métis (was in deutscher Übersetzung, „Mischling“, immer einen mehr als üblen Beigeschmack hat). So kann man schlecht behaupten, dass Gabys Familie am ärmeren Ende der Gesellschaft leidet. Denn selbstverständlich bringt Zuhause ein ‚Boy‘ aus einem der ärmeren Vorstädte von Bujumbura das Essen an den Tisch, die Familie hat einen Gärtner und auch einen Fahrer. Mit den Bediensteten spricht die Mutter nur im Staccato-Stil: „Les commis ne méritaient pas de verbe.“ (dt. „Das Personal verdiente kein Verb.“) Die gesellschaftliche Spaltung zieht sich so, bereits vor den blutigen Ausschreitungen, über Klassen, Ethnien und politische Lager hinweg. Tausende enden schließlich, wenn sie denn fliehen können, wie Gaby im Exil, die meisten erleben Schlimmeres, für viele bedeutet es den Tod.

Einen Roman, zumal den über einen der schrecklichen Völkermorde des 20. Jahrhunderts, aus der Perspektive eines Kindes zu erzählen, birgt seine Tücken. Nur allzu leicht ließe sich in die Falle tappen, das Geschehen durch den naiven Kinderblick zu verharmlosen oder gar zu verklären. In Petit Pays allerdings werden diese Gefahren nicht nur gekonnt umschifft, sondern die gewählte Erzählperspektive fügt dem Ganzen sogar eine essentielle Ebene hinzu. Langsam und auf erschreckend leisen Sohlen fällt der Krieg somit in den Alltag des kleinen Gabys ein, sein Blick entlarvt absichtlich naiv – und damit gewinnbringend undogmatisch – die politischen Verquickungen (und mitunter die Widersprüche) der Erwachsenen, entwirft ein unverstelltes Bild des bis in die intimsten Sphären der Gesellschaft ragenden, ja selbst die Freundschaften und die Familie befallenden, Rassismus und der ermüdend selbstgefälligen Haltung der immer noch dort herrschenden Kolonialisten. Besonders ausdrucksstark sind beispielsweise die Stellen, in denen diese Aspekte en passant in Gabys Erleben eingeflochten werden, wie beispielsweise, wenn der Vater seinen Kindern erklärt, die Kapokbäume, die am Straßenrand stehen, seien Ende des 19. Jahrhunderts von den Deutschen nach Burundi importiert worden und füllten noch heute die Kopfkissen, auf denen sich die Köpfe der Weißen betten. Selbst das Schönste und scheinbar unberührteste an Gabys Heimat – die ‚Natur‘ – ist somit im Grunde immer schon vom Kolonialismus befleckt. An anderer Stelle wird berichtet, wie Gaby und seine Schwester des nachts plötzlich Schüsse zu hören glauben, doch am kommenden Morgen ist im Radio keine Rede von Gefahr oder Unruhen, stattdessen läuft Wagners „Götterdämmerung“. Erst später erfährt Gaby, dass dies nach jedem bisherigen Staatsstreich der Fall war, die Musik somit ein Code ist, den nur die Erwachsenen verstehen. Es ist der 21. Oktober 1993 und der rechtmäßig gewählte Präsident Melchior Ndadaye wurde vor wenigen Stunden ermordet – der Anfang der Eskalation in Burundi. Es sind solche Details, die besonders ausdrucksstark greifbar machen, wie perfide sich das Grauen anbahnt und zwar eben nicht immer – wie man es nur allzu oft aus Hollywood-Filmen kennt – mit einem plötzlichen Bombenhagel, der alles mit einem Mal in Schutt und Asche legt. In Petit Pays sickert das Unheil quälend langsam, quasi Satz für Satz, dadurch aber nicht weniger bedrohlich, in den Alltag ein, lässt niemanden, selbst Gaby nicht, unbescholten zurück. Wer Täter und wer Opfer ist, lässt sich schließlich kaum mehr mit Sicherheit ausmachen, so viel sei an dieser Stelle verraten.  

Mit Recht lässt sich vermuten, dass ein erwachsener Erzähler, der alles direkt in ein Weltgeschehen einordnen würde bzw. gar einordnen müsste, nahezu gezwungen wäre, in den politischen Wirren Position zu beziehen, und der Roman somit womöglich an Komplexität verlieren würde. Vor allem aber – und dies sei hier nicht als Schwäche des Romans ausgemacht, im Gegenteil – ist es dem Erzähler somit erlaubt, ins Schwärmen zu geraten. Das Burundi des kleinen Gaby strotzt nur so vor Schönheit; vor Farben, Gerüchen, Geräuschen, kleinen Tieren, Pflanzen – alles zeigt sich wie zum ersten Mal entdeckt. Und damit fernab von medialisierten Kriegsbildern, die sich in manchen Köpfen als das einzige Bild von Burundi und Ruanda festgesetzt haben mögen. Dadurch, dass alles durch die Rahmung gleichzeitig ebenso als eine Art utopische Traumlandschaft des traumatisierten Überlebenden erscheint, wirkt dieses strahlende Bild der ostafrikanischen Region gar nicht kitschig, sondern unterstreicht nur abermals, mit welchen Sehnsüchten die immer verlorene Heimat belegt ist, mit welcher Gewalt diese strahlenden Erinnerungen zerstört wurden, wie groß der Verlust ist. Oder wie es an einer Stelle heißt: „Le génocide est une marée noire, ceux qui ne s’y sont pas noyés sont mazoutés à vie.“ (dt.: „Völkermord ist ein schwarzer Sumpf, wer nicht darin untergeht, ist für sein Leben verseucht.“) Und zwar nicht nur wegen der Gräueltaten, deren Zeugen Gaby und seine Familie wurden, sondern auch wegen der Erinnerung an ein unbescholtenes Vorher. Die Momente der Erzählung, die Gefahr laufen, etwas zu sehr ins Sentimentale zu kippen, werden werden geschickt gebrochen – immer schlägt die eiskalte Realität zu. Und dieser Effekt stellt sich vor allem auch ein, weil Faye ein feines Gespür für Rhythmus und Sprache beweist. Gabriel stellt zu Beginn des Romans fest, Poesie sei eben keine Information: „Pourtant, c’est la seule chose qu’un être humain retiendra de son passage sur terre.“ (dt.: „Poesie ist keine Nachricht. Dabei ist es das Einzige, was einem Menschen von seiner irdischen Reise bleibt.“) Genau dies scheint das Ideal zu sein, dem Faye verpflichtet ist: Zeugnis ablegen, ja, aber auf poetischer, alltäglicher, menschlicher Ebene – die genauen politischen Fakten kann man ebensogut auf Wikipedia nachlesen. Wer also bei der Lektüre über die Historie der ostafrikanischen Region belehrt werden will, greift besser zu einem anderen Roman.

Dennoch wäre es interessant gewesen, noch mehr über Gabriels Zerrissenheit zwischen dem Jetzt und der Vergangenheit zu erfahren, auch wenn solche Ansprüche natürlich auch etwas überzogen sind: Nicht jeder Roman muss alles leisten. Und doch wirkt die Rahmung eher wie eine Lücke, die eigentlich noch zu füllen wäre. Insbesondere weil gerade zum Ende der Kindheitserzählung Gabys Charakter an Tiefe und moralischer Komplexität gewinnt – wie also mit diesen Erinnerungen weiterleben? Die letzten Sätze der Erzählung deuten zumindest auf einen (Neu-)Anfang: „Le jour se lève et j’ai envie de l’écrire. Je ne sais pas comment cette histoire finira. Mais je me souviens comment tout a commencé.“ (dt. „Es wird Tag, und ich habe Lust, die Geschichte aufzuschreiben. Ich weiß noch nicht, wie sie enden wird. Aber ich erinnere mich jetzt, wie alles anfing.“) Diese Sätze lassen sich als proust’sche Klammer lesen, bei der das Buch, das wir gerade zugeschlagen haben, das Produkt dieses Anfangs ist. Oder sie können als Cliffhanger gelten für einen möglichen Teil 2. Fayes jüngste Single „Taxiphone“ handelt abermals von der Exilerfahrung, statt im Rückblick erzählt, ist die Darstellung dort allerdings ausschließlich dem Jetzt verhaftet. Man glaubt fast den erwachsenen Gabriel zu hören, wenn Faye lakonisch und mit leichter Wut in der Stimme sing:

„Okay, okay, la France c’est la paix, la sécurité/ Mais c’est aussi la morsure du froid et la solitude/ L’eldorado n’était pas si beau, nan, Papa nous mentait/ Si je reste ici, c’est pas pour rapper mais piller les études/ Les années passent et les feuilles tombent à tous les automnes/ Et moi je m’étonne d’être encore ici, voyelles et consonnes/ Ma vie s’écrit sur des bouts de papier, je chantonne et fredonne/ Un blues qui ne me quitte plus depuis les bancs d’école, eh ouais“.

(dt.: „Okay okay, Frankreich ist Frieden, Sicherheit/ Aber es ist auch das Schneiden der kalten Luft und Einsamkeit/ Das Eldorado war nicht so schön, nee, Papa hat uns angelogen/ Wenn ich hier bleibe, dann nicht zum Rappen sondern um im Studium abzuschreiben/ Die Jahre vergehen und die Blätter fallen jeden Herbst/ Und ich, ich wundere mich darüber, noch hier zu sein, Vokale und Konsonanten/ Mein Leben schreibt sich auf Zetteln, ich singe leise und summe/ einen Blues, der mich seit der Schule nicht mehr losgelassen hat, oh ja“.)

Gibt es also bald eine Fortsetzung des Erstlings? Daran, dass der Nachfolger ebenso spannend wäre wie Petit Pays, besteht kein Zweifel – genug zu erzählen gäbe es.

Gaël Faye: Petit Pays, Paris: Grasset 2016, 221 S. Ins Deutsche übersetzt von Brigitte Große und Andrea Alvermann und unter dem Titel Kleines Land erschienen im Piper Verlag 2016.

Weitere interessante Beiträge

Einladung zum Träumen des Lebens?
Lars Henk

Lars Henk

Universität Koblenz-Landau
Zum Beitrag
Zum Frühstück nach Médan
Lars Henk

Lars Henk

Universität Koblenz-Landau
Zum Beitrag
Pariser Doppelleben
Walburga Hülk

Walburga Hülk

Universität Siegen
Zum Beitrag