"Ist das noch Realismus oder kann das weg?"

Wir diskutieren über Houellebecqs neuesten Roman 'Anéantir'

Veröffentlicht am
28.3.2022
Lars Henk

Lars Henk

Universität Koblenz-Landau
Lea Sauer

Lea Sauer

Universität Koblenz-Landau
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Houellebecqs neuester Roman Anéantir (dt.: Vernichten) ist vor Kurzem erschienen und hat – natürlich – wieder einmal in Frankreich sowie in Deutschland einen regelrechten Medien-Buzz ausgelöst. Zurecht? Zumindest war dies Anlass genug, den Roman genauer unter die Lupe zu nehmen. Entstanden ist ein kritisches Diskussionsprotokoll, das wir Ihnen nicht vorenthalten wollen. Aber Achtung: Spoiler! Wie bei Gesprächen üblich, haben wir kein Blatt vor den Mund genommen. Wenn Sie den Roman noch nicht gelesen haben, sollten Sie das vor der Lektüre des Gesprächs tun, wir nehmen viele Details vorweg.

Der Klappentext liest sich zumindest spannend. Die Handlung setzt kurz vor den französischen Präsidentschaftswahlen 2027 ein. Ein Video taucht im Netz auf, das die Hinrichtung des möglichen Kandidaten Bruno Juge zeigt. Paul Raison, dem Protagonisten des Romans und Mitarbeiter sowie Vertrauten Juges, fällt nun die Aufgabe zu, die Urheber des Videos ausfindig zu machen. Das Privatleben Raisons nimmt dabei ebenso dramatische Züge an wie die der politischen Öffentlichkeit. Während sich weitere Anschläge häufen, lebt er in einer unglücklichen Ehe mit seiner Frau Prudence. Sie scheinen sich nichts mehr zu sagen zu haben, selbst die Kühlschrankfächer sind getrennt. Und dann lässt auch noch ein familiärer Schicksalsschlag die Familie Pauls wieder aufeinandertreffen – alte Wunden reißen auf, neue kommen hinzu. Während es daraufhin zu einer sanften Annäherung zwischen Prudence und Paul kommt, nimmt seine berufliche Laufbahn eine deprimierende Wendung. Zwar kann er bedeutende Hinweise zur Aufklärung der Anschlagsserie liefern, [Achtung: Bruno will ja gar nicht Präsidentschaftskadidat werden; er ist zufrieden mit Platz 2] verliert Juge die Kandidatur allerdings gegen einen volksnahen, ehemaligen Fernsehmoderator und die familiären Ereignisse zwingen Paul dazu, sich von der Arbeit zurückzuziehen. Das Ende des Romans ist im wahrsten Sinne des Wortes 'vernichtend'.

Lars Henk: Salut, ich bin jetzt endlich mit diesem Roman durch, ich weiß gar nicht, warum das Feuilleton so begeistert war, ehrlich gesagt.

Lea Sauer: Ja, das verstehe ich auch nicht. Dass man aus so einer spannenden Plotidee ein so langweiliges Buch kreiert, ist dann schon wieder große erzählerische Kunst. Die knapp siebenhundertfünfzig Seiten hätten, meiner Meinung nach, durchaus auf die Hälfte heruntergekürzt werden können.

Lars Henk: Ist das noch Realismus, oder kann das weg? (lacht) Aber mal ehrlich, langweilig fand ich es gar nicht, bisschen schleppend eher: Was hat dich gähnen lassen?

Lea Sauer: Es beginnt ja mit den Cyber-Angriffen auf die französische Regierung, das finde ich schon einen sehr guten Auftakt für einen Roman. Man erwartet eine spannende Story, vor allem in Anbetracht der aktuellen politischen Lage, insbesondere, wenn man bedenkt, dass ja nächsten Monat in Frankreich gewählt wird.

Lars Henk: Ja, der rollende Kopf des Wirtschaftsministers Bruno. Eine Hinrichtung à la française – was für ein fulminanter Einstieg. Und alle tappen im Dunkeln!

Lea Sauer: Eben, daraus hätte man doch total viel machen können. Leider tritt dieser Erzählstrang dann in den Hintergrund. Und es folgen 400 Seiten dieser elendig langweiligen Familiengeschichte!

Lars Henk: Naja, fairerweise muss man sagen, dass die Anschläge ja schon noch ein paar Mal thematisiert werden. Sie hören ja nicht auf, sondern werden extremer.

Lea Sauer: Da hast du recht, aber allenfalls als Hintergrundgeplänkel. Das zeigt sich doch schon daran, dass die Anschlagsserie gar nicht wirklich aufgeklärt wird, zumindest was die Täter angeht. Wer ist denn diese Gruppe okkulter Militanten? Was wollen sie? Alles nur Füllstoff für die romantische Philosophie, um die es Houellebecq eigentlich zu gehen scheint. Die will er doch im Grunde erzählen. Als philosophischer Essay wäre der Text vielleicht ganz gut. Du hattest mir doch auch diesen interessanten Artikel zur Philosophie Houellebecqs weitergeleitet, wo die Bezüge noch einmal aufgedröselt werden.

Lars Henk: Tja, die Romantik, die hat mir eigentlich ganz gut gefallen, die Annäherung der entfremdeten Ehepartner ist doch Balsam für die geschundene Seele der 'Generation beziehungsunfähig' und der 'Generation Scheidungskrieg'. Aber natürlich wird das Ganze nicht sonderlich gut vorbereitet. Beim Lesen habe ich mir folgende Frage immer wieder gestellt: Kann man das glauben?

Lea Sauer: Genau, das ist, finde ich, ein generelles Problem des Romans. Er ist nicht besonders stringent komponiert und wirkt dadurch an vielen Stellen unglaubwürdig.

Lars Henk: Ich sehe auch, dass einige Handlungsstränge im Sande verlaufen, wie beispielsweise auch die Geschichte um Pauls kranken Vater, der später fast gar keine Rolle mehr spielt. Oder auch Madeleine, die Frau des Vaters, taucht später eigentlich gar nicht mehr auf, obwohl sie in den ersten Kapiteln die Handlung schon auch vorantreibt. Da fragt man sich schon, was wohl mit ihr, dem Vater oder auch dem Rest der Familie passiert ist. Was macht den Roman für dich unglaubwürdig?

Lea Sauer: Es sind eher kleine Stellen, die mich dann ärgern. Ich kann vieles geflissentlich überlesen und mir auch zurechtinterpretieren beim Lesen, aber wenn es für mich emotional und psychologisch nicht nachvollziehbar ist, wird es schwierig. Nehmen wir zum Beispiel den Suizid des Bruders Aurélien im Roman. Wie auch das Neuauflammen der Liebe zwischen Paul und Prudence bricht Auréliens Tod einfach irgendwann in die Handlung ein. Ohne dass er sich vorher emotional aufbaut, ohne dass man als Leserin wirklich Empathie aufbauen kann.

Lars Henk: Aber für den Suizid gibt es doch gute Gründe: Immerhin ist Aurélien dafür verantwortlich, dass seine Geliebte Maryse nicht nur den Job verlieren wird, sondern wahrscheinlich auch des Landes verwiesen wird. Sie muss raus aus Frankreich! Mit der Schuld wollte ich nicht leben.

Lea Sauer: Ja, aber es gibt doch noch nicht einmal ein Gespräch mit Maryse. Ihre Beziehung endet einfach abrupt. Sie hätte ihm doch vielleicht verziehen, wer weiß. Als Leserin weiß man doch gar nicht, was sie über die ganze Angelegenheit denkt. Sie hätten zusammen in den Sonnenuntergang reiten und glücklich werden können. Außerdem: C'mon, als ob sie wirklich keinen Job mehr bekommen hätte, sie ist doch am Ende sogar ganz zufrieden damit zurückzukehren. Die Fallhöhe für einen Suizid ihres Geliebten, den sie gerade einmal wenige Wochen kennt, ist für mich zu gering. Vielleicht bin ich da zu unromantisch, aber die zwingende Dramatik hat sich mir an dieser Stelle nicht erschlossen, es hat mich nicht berührt. Hat es dich denn berührt?

Lars Henk: Ich fand es schon nachvollziehbar, aber es stimmt, dass die Reaktion Pauls auf den Selbstmord seines Bruders schon etwas hart ist. An einer Stelle heißt es einfach, dass Aurélien eben nicht glücklich war im Leben, sozusagen einfach ein verpatztes Leben hatte, und dass es dann vielleicht sogar besser sei, wenn er nicht mehr so am Leben leidet. Abgesehen von der schlechten Ehe mit Indy erfahren wir aber gar nicht so viel darüber, was ihn bedrücken könnte. Aber auch hier kommt vielleicht das romantische Motiv durch: Er findet mit Maryse seine große Liebe und schon ist das Glück vorbei – das ist aus Sicht des großen Romantikers wohl das Schlimmste, was passieren kann.

Lea Sauer: Stellt sich die Frage, wer der große Romantiker ist: Der Autor oder Aurélien? Für Aurélien wird mir die romantische Neigung nicht genug erzählt und bleibt aus diesem Grund emotional und psychologisch nicht nachvollziehbar für mich, ja, ich muss es so hart sagen: Die Figur war mir einfach irgendwie egal, weil sie mir nicht nahegebracht wurde.

Lars Henk: Apropos Suizid, dem geht ja diese Geheimoperation der Befreiung von Pauls Vater voraus, die modernen 'Robin Hoods' des Spätkapitalismus haben mich schmunzeln lassen. Houellebecq beweist doch da Humor!

Lea Sauer: Das fand ich tatsächlich auch witzig. Hat mich an die Dokufiktion Thalasso erinnert, in der Houellebecq sich selbst spielt, da gibt es eine ähnliche Szene, in der einige Gangster Houellebecq bitten, ihre Mutter aus einem Pflegeheim zu retten.

Lars Henk: Aber natürlich trotzdem eine unglaubwürdige Szene. Ist das eine Parodie? Ein Pastiche? Da bin ich mir nicht so sicher.

Lea Sauer: Witzig war auch die Medienbeauftragte und die ganze Wahlstory. Allein der Name für eine toughe Medienfrau: Solène Signal!

Lars Henk: Dass Fernsehstars Präsidenten werden, hat es ja schon gegeben.

Lea Sauer: Aktueller denn je, ja.

Lars Henk: Zwischen Lachen und Kopfschütteln pendle ich übrigens bei der Sexszene von Paul und seiner Nichte. Da bekommt das biblische ,Erkennen‘, das häufig zur Beschreibung von Sex eingesetzt wird, eine ganz neue Bedeutung: 'Und er erkannte seine Nichte…'

Lea Sauer: (lacht) Ja, fast wie in einer schlechten Soap. Wieder eine Stelle, die mir dann doch etwas zu klischeehaft war. Mal von dem Fernsehpräsidenten abgesehen, wie findest Du denn die Figuren im Allgemeinen?

Lars Henk: Also franchement, bei mir kommt niemand so richtig gut weg. Allein die Beziehungen untereinander finde ich so oberflächlich: Bei den Turteltauben Prudence und Paul finde ich es komisch, dass das jahrelange Ehefiasko nur unzureichend thematisiert wird: Angeblich sprechen sie einfach nicht mehr miteinander – aber wieso? Was sind die genauen Gründe? Wie hat sich das entwickelt? Das wäre doch spannend gewesen! Hier wird es einfach wie eine allgemeingültige Annahme formuliert, so nach dem Motto: Nach so vielen Ehejahren hat man sich eben nichts mehr zu sagen und anziehend findet man sich dann sowieso nicht mehr. Ist das nicht ein Klischee? Und diese Geschwisterbeziehungen – so zerstückelt irgendwie. Die Konflikte zwischen den älteren Geschwistern und dem Nachzügler Aurélien, der die falsche Frau geheiratet hat, kann ich Houellebecq ja noch abkaufen. Aber wie wahrscheinlich ist es, dass Auréliens Frau Indy, einerseits als für den Suizid ihres Ehemannes verantwortlich dargestellt wird, weil sie die Entführung aus dem Krankenhaus in einem rachsüchtigen Hassartikel öffentlich macht und somit die Entlassung von Auréliens Geliebter Maryse verursacht, und anderseits dann wiederum keinerlei Zorn der Geschwister auf sich zieht, nachdem sie ihren Bruder erhängt in der Galerie der Mutter finden. Du coup, eine der astreinen Zola-Anspielungen, die sich durch den Roman ziehen, obwohl er unter den literarischen Meistern von Pascal, Rousseau und Balzac nicht genannt wird.

Lea Sauer: Du bist ja der große Zola-Experte unter uns...

Lars Henk: Also Paul und Cécile quittieren die verzweifelte Tat ihres Bruders quasi nur mit einem Schulterzucken und haken das einfach so ab. Ich hätte der Frau den Kopf abgehackt!

Lea Sauer: Sie trauern  ja auch kaum um ihren Bruder. Auf mich wirken die Charaktere unter anderem deshalb wie Platzhalter für bestimmte Diskurspositionen und dadurch zu schablonenhaft. Cécile, Pauls Schwester, bekommt beispielsweise von Anfang an die Rolle der katholischen Christin zugewiesen und handelt und spricht nur in dieser eindimensionalen Rolle. Für sie gibt es keine Entwicklung. Sie bietet überhaupt keine Reibungspunkte, es finden sich keine Widersprüche oder Brüche in ihr.

Lars Henk: Pauls theologische Reflexionen – vor seiner Krankheit – finde ich wiederum ausgesprochen toll: In seinen Überlegungen ist Gott ein Kerlchen mit übersteigertem Narzissmus, der sündige Menschen erschafft, um sie dann als barmherziger Erlöser retten zu können, das gefällt mir. (lacht) Qu’en dis-tu?

Lea Sauer: (lacht) Sehe ich ähnlich, auch wenn ich es als etwas zu sehr übergestülpt empfand. Die meisten dieser Überlegungen beginnen damit, dass Paul ein Buch zur Hand nimmt und daraus, naja, referiert. Ich nenn's mal 'inneres mansplaining'. Ich finde, da hätte Houellebecq auch eher auf einer metaphorischen oder subtileren Ebene mit den Referenzen spielen und darauf vertrauen können, dass die Leser die Bezüge schon verstehen werden. Vielleicht wirken aus diesem Grund die Figuren auch so unausgearbeitet.

Lars Henk: Also so ein bisschen schema-F-like?

Lea Sauer: Ja, genau.

Lars Henk: Ich kann verstehen, dass dir die Charaktere zu eindimensional sind, weil sie nahezu auf einen Charakterzug festgelegt werden.

Lea Sauer: Es erfolgt kaum eine psychologische Durchdringung, die Charakterisierung erfolgt fast ausschließlich über Äußerlichkeiten oder die Marker, die für eine entsprechende 'Rolle' am offensichtlichsten sind. Deshalb kann ich auch den Sexismus- und Rassismusvorwurf, der an Houellebecq manchmal herangetragen wird, verstehen. Oft wird zur Charakterisierung nämlich die Ethnie als erstes Beschreibungsmerkmal genannt, beziehungsweise dementsprechend bei Frauen ihr Äußeres, als wäre das das Einzige, was sie ausmacht. Oft spielt das dann für die Handlung überhaupt keine Rolle. Wenn zum Beispiel selbst bei einem Arzt, der eine absolute Nebenrolle einnimmt, erst einmal eine seitenlange Reflexion Pauls dargestellt wird, woher dieser Arzt wohl kommen mag, aus Syrien oder doch aus dem Maghreb, nur um dann abschließend festzustellen, Paul wäre das ja sowieso im Grunde vollkommen egal, frage ich mich schon: Warum dann diese Ausführungen? Wer spricht da überhaupt: Der Erzähler? Der Autor? Oder ist es doch einfach die Wiedergabe von Pauls Gedanken? Ich glaube, der Eindruck Houellebecq sei rassistisch oder sexistisch entsteht vor allem durch solche Beschreibungen, die im Prinzip für Handlung und Figurenzeichnung vollkommen irrelevant sind.

Lars Henk: Naja, Paul ist ja schon eine Ausnahme, muss man sagen. Er wird ja vielschichtiger dargestellt.

Lea Sauer: Wäre auch schlimm, wenn nicht! Er ist ja schließlich die Hauptfigur, da muss er sich schon ein bisschen mehr einfallen lassen. Aber noch einmal zum Sexismus: Gerade bei Indy, der wütenden, rachsüchtigen Ehefrau Auréliens, scheint mit Houellebecq dann doch der Frauenhass vollkommen durchgegangen zu sein. Die Frau wird ja nur als dummes Monster dargestellt. Auch da, meiner Meinung nach, haben wir wieder eine Platzhalterfigur. Denn was wird über sie erzählt? Im Prinzip nur, dass es 'nervige', vorgeblich politisch korrekte, linksliberale Presseleute gibt, die an ihren eigenen Idealen scheitern – was ich im Übrigen auch noch sehr interessant finde – letzten Endes braucht Houellebecq Indy aber nur als Grundlage, quasi als erzählerische Ursache, um später den Suizid Auréliens zu rechtfertigen.

Lars Henk: Trotzdem steht hinter diesen eindimensionalen Figuren ja seine ganze romantische Philosophie, die über sie erzählt wird. Nihilistisch ist der Roman auf keinen Fall. Und das finde ich für Houellebecq überraschend, es ist sozusagen sein positivster Roman. Vielmehr ist Anéantir ein Loblied auf die Liebe, die ausreicht. Wenn ich mir die gestörten Beziehungen in den anderen Romanen anschaue, könnte man schon auf die Idee kommen, dass Houellebecq eine andere Auffassung von Liebe und Beziehung bekommen hat in den letzten Jahren.

Lea Sauer: Vielleicht ist er ja frisch verliebt. (lacht) Den Arzt lässt er ja sagen, dass es ein großes Glück ist, den Lebensabend nicht allein verbringen zu müssen.

Lars Henk: Eben. Auch die Wiederholung des Zitats „l’amour est suffisant“ – da bekomm ich doch gleich wieder Lust, ein Gedicht zu schreiben. (lacht) Apropos, das entscheidende Rätsel haben wir ja noch gar nicht angesprochen: Hört Houellebecq auf mit dem Schreiben, wie am Ende in den Danksagungen angekündigt, oder nicht?

Lea Sauer: Ich glaube es ehrlich gesagt nicht. Sagen das nicht die meisten Autoren und Autorinnen nach der Fertigstellung eines Romans? Aber vielleicht ist das Ende auch autobiografisch?

Lars Henk: Meinst Du, dass er selbst krank ist und sterben wird?

Lea Sauer: Darüber lässt sich nur spekulieren. In La Carte et le Territoire hat er sich ja schon einmal in Tarantino-Manier umgebracht, beziehungsweise umbringen lassen.

Lars Henk: Aber würde das nicht eher gegen eine reale, eigene Krankheit sprechen?

Lea Sauer: Stimmt. Es ist jedenfalls kein neuer Kniff Houellebecqs. Er spielt ja gerne mit Vermutungen und Erwartungshaltungen der Leserschaft.

Lars Henk: Immerhin kommt ja der intertextuelle Verweis auf Sherlock Holmes ein-, zweimal. Vielleicht weist er uns mit dem Zitat „Mettez en marche, Watson; il est temps de partir“ auch auf eine falsche Fährte. Mais peu importe, was ist dein Fazit?

Lea Sauer: Ich bin enttäuscht. Les particules élémentaires (dt.: Elementarteilchen) ist eines meiner Lieblingsbücher. Es kann daran liegen, dass ich es als Teenagerin gelesen habe und dann den Eindruck hatte, hier wird mir eine ganz neue Weltsicht erzählt, es hatte irgendwie eine gewisse Dramatik, die mich damals emotional berührt hat. Das fehlte mir hier vollkommen. Genau wie Sérotonine finde ich das neue Buch komplett irrelevant. Es gibt nichts Neues für mich darin, keine Erkenntnis, die ich daraus ziehe, es ist im Übrigen für mich auch keine gelungene Sozioanalyse der französischen Gesellschaft, wie es oft hervorgehoben wird.

Lars Henk: Ja, auch ich halte mich lieber an die Particules élémentaires.

Michel Houellebecq: Anéantir, Paris: Flammarion 2022. Die deutsche Übersetzung erschien unter dem Titel Vernichten zeitgleich mit der französischen Originalausgabe bei Dumont.

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