Besondere Familienbande

Clara Dupont-Monod erzählt in "S’adapter" (2021) auf feinfühlige Weise vom Umgang mit Behinderung

Veröffentlicht am
9.5.2023
Florian Birnmeyer

Florian Birnmeyer

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Ein Kind kommt auf die Welt – an sich nichts Ungewöhnliches, doch was geschieht, wenn dieses Kind krank, ja sogar schwer behindert ist, nicht sprechen und nicht sehen kann und auch in den eigenen Bewegungen stark eingeschränkt ist? Clara Dupont-Monod wirft in ihrem Roman S’adapter (2021, dt. Brüderchen), der jetzt in deutscher Übersetzung erschienen ist, einen präzisen, humanen und feinfühligen, nie jedoch despektierlichen Blick darauf, was mit einer Familie geschieht, wenn ein Kind mit Beeinträchtigung das fein austarierte Beziehungsgeflecht, das eine Familie bildet, durcheinanderwirbelt.

Gleich zu Beginn möchte ich vorausschicken, dass ich dieses für mich besondere Buch nicht ganz unbeteiligt gelesen habe. Das Thema Behinderung und Einschränkung betrifft mich persönlich, da ich selbst eine gewisse Krankheitsgeschichte hinter mir habe, die nicht immer leicht zu bewältigen war, und auch die familiären Konsequenzen, die sich daraus ergeben (haben), konnte ich mit meinen eigenen Erfahrungen abgleichen – von Überbehütung über Wut bis hin zu Ängsten, all diese Reaktionen habe auch ich in meiner Vergangenheit erlebt.

Nicht zuletzt aufgrund dieser Identifikation mit dem Inhalt des Buches habe ich es bereits zweimal gelesen, beim ersten Mal in französischer, beim zweiten Mal in deutscher Sprache. Beide Versionen haben mich gleichermaßen überzeugt, wobei mich der Sprachrhythmus der französischen Ausgabe noch etwas mehr in die ländliche Region der Cevennen hineingezogen hat, in der die Geschichte des Romans angesiedelt ist. Wir befinden uns also in der französischen Provinz, mitten auf dem Land, die Familie lebt abgeschieden in einem kleinen Haus. Die erste Besonderheit dieser Geschichte besteht darin, dass diese aus der Sicht der Mauern des alten Hauses erzählt wird, innerhalb derer die Protagonist*innen zusammen wohnen.

Es sind die alten Steine, die uns berichten, wie das Baby geboren wird, wie es zum Teil der Familie wird, wie es aufgenommen wird bzw. von der Schwester Ablehnung erfährt. Die einzelnen Familienmitglieder reagieren jeweils unterschiedlich auf die Ankunft des kleinen hilflosen Kindes, nach dessen Bedürfnissen sich fortan der Alltag der Familie richtet. Während die Eltern sich von nun an mit dem administrativen Kleinklein wie der Anerkennung einer Behinderung und dem Beantragen von staatlicher finanzieller Unterstützung herumschlagen müssen, stürzt sich der große Bruder, der bisher für seine Schwester als mutiges Vorbild fungierte, in die Pflege des Neugeborenen, was bei der Schwester auf Unverständnis stößt und zu einer wütenden Trotzreaktion sowie zur Distanzierung zu dem behinderten Kind führt. Dann stirbt das „Brüderchen“ und auch dies wird einfühlsam erzählt. Nach und nach rückt Dupont-Monod so immer tiefer in das Beziehungsgeflecht der Geschwister vor. Als schließlich ein Nachzügler geboren wird, muss dieser die Lücke füllen, die von dem gestorbenen Kind hinterlassen wurde. Der selbst nicht miterlebte Tod wird gewissermaßen zum beständigen Begleiter, von ihm sowie der gesamten Familie. Diese Konstellation erinnert stellenweise an Annie Ernaux’ erst kürzlich ins Deutsche übertragene Erzählung L’autre fille (dt. Das andere Mädchen).

Jedes der von den erzählenden Mauersteinen beobachteten und begleiteten Geschwisterkindern trägt seine eigene Last mit sich herum – von Trauer über Wut und Angst bis hin zu Schuld und Scham. Die ganze Bandbreite menschlichen Fühlens wird innerhalb dieser Familie in nuce abgebildet, sodass wir das Panorama eines menschlichen (Gefühls-)Lebens präsentiert bekommen und als Leser*innen nicht nur mitfiebern, sondern auch mitfühlen können. Diese emotionale Nähe zu den Hauptfiguren macht den Roman von Clara Dupont-Monod zu einem ganz besonderen, wertvollen und bereichernden Leseerlebnis, das lange nachhallt und in Erinnerung bleibt. Eine absolute Leseempfehlung, auch aufgrund des einerseits entspannten und natürlichen, andererseits realistischen, die Schattenseiten nicht aussparenden Umgangs mit dem Thema Behinderung. Dupont-Monod schildert in S’adapter Familienbande der besonderen Art. Zurecht wurde der Roman mit dem Prix Goncourt des Lycéens sowie dem Prix Fémina 2021 ausgezeichnet.

Der Roman S'adapter ist 2021 bei Stock erschienen, 170 S. Er wurde von Sonja Finck ins Deutsche übertragen und erschien unter dem Titel Brüderchen 2023 im Piper Verlag, 176 S.

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