Das sepiafarbene, wackelige Bild einer Familie

Die Super 8-Tagebücher von Annie Ernaux und David Ernaux-Briot

Veröffentlicht am
10.10.2022
Lea Sauer

Lea Sauer

Universität Koblenz-Landau
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Annie Ernaux in Die Super 8-Tagebücher

Was für eine Freude: Annie Ernaux gewinnt den diesjährigen Nobelpreis für Literatur! Natürlich habe ich es gehofft, doch wirklich damit rechnen konnte wohl niemand, wodurch ich mich nun gezwungen sehe zu erwähnen: Diese Rezension zu Ernaux’ Dokufilm Super 8 – Tagebücher wurde kurz vor der Verleihung verfasst. An der Bewertung des Films ändert dies nichts, wohl aber wird der Preis dazu beitragen, dass Annie Ernaux in Zukunft nahezu niemandem mehr unbekannt sein dürfte und sicherlich auch die ein oder andere Person dadurch auf den Film stoßen wird,. Gut so, denn die momentan in der ARTE-Mediathek verfügbaren Super 8-Tagebücher funktionieren nach einem für Ernaux ganz typischen Prinzip und können so eine erste Annäherung an das Gesamtwerk der Schriftstellerin sein. Wie auch in ihren Büchern, etwa in Les années (2008, dt. Die Jahre, 2017), wird anhand von Gegenständen, Bildmaterial und einzelnen Szenen das Panorama einer ganzen Epoche aufgemacht. Hier diesmal ausgehend von einer Super-8-Kamera der Marke Bell & Howell, die das junge Ehepaar Ernaux Ende 1972 ersteht, und deren Bilder nun die Grundlage für die Sozialstudie der Années Super 8 (so der französische Originaltitel) stellen. Jahrzehntelang waren diese Bilder in Vergessenheit geraten, bis sie wieder auftauchten und von Regisseur David Ernaux-Briot, dem Sohn, zusammengesetzt und von seiner Mutter, der Schriftstellerin, mit einem Text unterlegt wurden. Es sind alltägliche Szenen einer jungen Familie, die wird hier begleiten: wackelige Bilder vom Nachhausekommen nach dem Supermarkteinkauf, die Einrichtung der ersten Wohnung, das Wetter in Annecy, Urlaube, Weihnachtsfeste. Das könnte langweilig sein, hätten wir es nicht mit Ernaux zu tun, die mit gewohnt scharfem Blick auf diese Szenen ihres eigenen Lebens blickt. In ihr Tagebuch notiert Annie Ernaux damals, sie „müsse alles, was in ihrem Leben geschieht, zu einem furiosen Roman vereinen“ – wir wissen heute, dass sie dies ausgiebig getan hat. Damit verbunden ist auch der Wunsch, sich von der eigenen Herkunft zu befreien, ein Thema, das Ernaux Zeit ihres Lebens begleiten wird; für sie ist das Schreiben das essentielle Ticket zum sozialen Aufstieg, daran lässt sie keinen Zweifel. Doch noch ist sie nicht am Ziel. Zwar ist sie bereits gesellschaftlich aufgestiegen, doch arbeitet sie als Lehrerin, zuhause ist sie die Mutter und schreibt ausschließlich heimlich, und zwar immer dann, wenn an den Nachmittagen niemand zuhause ist. Wie lassen sich also Schreiben und das Konzept der bürgerlichen Kleinfamilie im Frankreich der 1970er miteinander verbinden? Das ist das Thema dieses Films.

Dabei holt Ernaux auch dieses Mal wieder weit aus und bezieht in der Sezierung ihrer eigenen Familie auch das große Ganze mit ein, um aufzufächern, was dies überhaupt sein soll, die bürgerliche Kleinfamilie jener Zeit. Sie fahren in Urlaub nach Chile, gesponsert vom Nouvel Observateur, um dort – „wie die gesamte französische Linke“ – Salvador Allendes sozialistische Utopie live mitzuerleben; besuchen Verwandte in der Ardèche und lernen dort ein Leben kennen, das mit seinen Ziegen und der Trockentoilette die kurzweilige Rückkehr in ein früheres, vorindustrielles, natürlicheres Frankreich symbolisiert; reisen nach Marokko in eine von der dortigen Bevölkerung abgeschottete Ferienkolonie; das Ehepaar fliegt nach Albanien, wo sie am Flughafen eine Arbeiterverkleidung anlegen, um nicht als Bourgeois aufzufallen und ständig bewacht zu werden; sie kaufen sich eine kleine Ferienwohnung in den Alpen. Sie sind politisch interessiert, wohlhabend, jung, und natürlich wählt das Ehepaar François Mitterand – das perfekte kleinbürgerliche Leben. Trotz dieser zunächst harmonisch anmutenden Aufnahmen beginnt es langsam zu schwelen, Enge stellt sich ein, führt schließlich zum Bruch.

Das ist klug erzählt, atmosphärisch und durchdringend. Überflüssig zu erwähnen, dass das Bewegtbild dem Text eine besondere Qualität verleiht, die ihn von den Büchern unterscheidet. Und doch verdient die Kamera besondere Erwähnung, denn hinter ihr steckt Philippe, der Mann von Ernaux und Vater der Familie. Seine Sicht der Dinge fließt somit, stumm zwar, aber dadurch nicht weniger präsent, in die Erzählung mit ein. So entsteht eine komplexe Spannung zwischen den verschiedenen Blickwinkeln, von denen aus der Gegenstand ,Familie‘ betrachtet wird. Nach und nach verschwinden die Menschen aus den Aufnahmen, der Blick wendet sich zunehmend dem Außenraum zu, der Landschaft, der Architektonik – alles in sepia. Auch Philippe mag sich, so kann man mutmaßen, von den Zwängen seiner Vaterrolle abgewandt haben. Statt lediglich der Autorin Ernaux scheint mitunter die gesamte Familie zu sprechen: Mutter, Vater, Sohn gemeinsam. Und das Glück ist nicht strahlend, sondern wackelig, verschwommen und manchmal gar bedrohlich.

Die eigene Familie nicht in ihrer Besonderheit, sondern als typisches Exempel der bürgerlichen Gesellschaftsvorstellungen heranzuziehen, hat seinen Reiz, doch bleibt so das wirklich Private in den Super 8-Tagebüchern seltsam fern. Statt den Ausführungen zu den politischen Ansichten des Paars Ernaux, ihrer Stellung im sozialen Tableau, hätte ich lieber noch mehr Details über das Zerbröckeln der Ehe sowie die Konflikte und Schwierigkeiten innerhalb des familiären Mikrokosmoss in den 1970ern erfahren. Nicht, weil ich eine besondere Vorliebe für Gossip hege (was, zugegeben, zweifellos stimmt), sondern weil das Scheitern der Vater-Mutter-Kind-Kind-Konstellation auch, wie mit Verweis auf La femme gelée (1981) zumindest angedeutet wird, auf die Unmöglichkeit von Ernaux zurückzuführen ist, sich in die gesellschaftlichen Rollen von Mutter, Ehefrau und Intellektueller zu fügen bzw. aus diesen Rollen innerhalb der Ehe auszubrechen. Was genau führte zum Bruch? Worüber genau wurde gestritten? Man kommt nicht umhin, hier eine unsichtbare Schwelle zu spüren, deren Übertretung sonst so charakteristisch für den Ernaux’schen Stil ist, aber dieses Mal ausbleibt. Das mag seine Gründe haben, vielleicht liegt es daran, dass erstmalig ihre Söhne einen zentralen Platz einnehmen, Philippe Ernaux bereits verstorben ist, die Kamera vielleicht dann doch immer auch zum voyeuristischen Eindringling werden kann und genau dies aus Respekt vor der Privatsphäre der anderen verhindert werden sollte. Diese Zurückhaltung zeigt sich dennoch als Mangel, denn gerade die familiären Fragen hätten auch dazu geführt, dass der Film an Aktualität hätte gewinnen können. Elternrollen, Familienkonzepte und die Vereinbarkeit von Care-Arbeit, mental load und (intellektuellen) Berufen werden schließlich heute mehr denn je diskutiert – und Ernaux’ stets scharfsinnige Perspektive auf die Dinge, über vierzig Jahre nach dem Erscheinen von La femme gelée, wäre eine wichtige gewesen. Sicher, Ernaux-Kenner werden die entsprechenden Assoziationen haben, doch im Film sieht man dies nicht. Deswegen vielleicht zum Ende der Hinweis, den Film – wie im Grunde alle Publikationen von Ernaux – als Baustein einer großangelegten Sozialstudie des 20. Jahrhunderts zu betrachten: Alle sind eingeladen, sich nach dem Abspann weiter mit den Werken der Grande Dame der französischen Literatur auseinanderzusetzen, um das Epochen-Tableau zusammenzusetzen.  

Wer des Französischen mächtig ist, sollte sich den Film auf jeden Fall im O-Ton anschauen, denn Ernaux spricht selbst aus dem Off und verleiht dem Text mit ihrer Stimme und der ihr typischen Mischung aus Brüchigkeit, Sensibilität und Präzision, eine ganz eigene Aura. Hier schließt sich auch mein größter Kritikpunkt an, der sich keinesfalls an das Mutter-Sohn-Duo richtet, sondern an den Sender ARTE. Denn wie üblich gibt es in der Mediathek keine Möglichkeit, den Film mit französischer Tonspur und deutschen Untertiteln anzuschauen. Etwas, was mich schon häufiger gestört hat (beispielsweise auch im Fall der Serie En thérapie oder dem sehr kunstvollen Dokumentarfilm La mort propagandée über den französischen Schriftsteller Hervé Guibert) und mir vollkommen unlogisch erscheint. In diesem Fall ist es besonders schmerzlich, da so die besondere Wirkungsweise der autobiografischen Sozio-Dokufiktion aus dem Hause Ernaux, trotz der tollen Synchronisation durch Eva Menasse, vielen Zuschauenden hierzulande verborgen bleiben wird. Man darf darauf hoffen, dass dies bei einer DVD-Veröffentlichung anders sein wird.  


Die Super 8-Tagebücher sind noch bis zum 31.10.2022 in der ARTE-Mediathek verfügbar. Zum Video gelangen Sie hier.

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