In einer namenlosen Hafenstadt irgendwo im Westen Frankreichs brodelt es gewaltig. Die Behörden arbeiten fieberhaft an der Verhinderung eines angeblich unmittelbar bevorstehenden islamistischen Terroranschlags in jener Stadt, die seit einiger Zeit schon vom Bloc patriotique regiert wird. Die Terroristen sollen sich irgendwo in der Cité des 800 aufhalten, einem sozialen Brennpunkt in der Nähe des Hafens. Im Übereifer der Ermittlungen erschießt in der Nacht zuvor ein Polizist einen Beamten des Inlandgeheimdiensts, dem einzig seine dunkle Hautfarbe zum Verhängnis wurde. Dummerweise hatte jener Capitaine Mokrane Méguelati kurz zuvor herausgefunden, wer den Anschlag verüben werde und wo er stattfinden soll. Diese Informationen sind nun durch den Tod des geheimen Ermittlers unwiederbringlich verloren. Wir befinden uns unverkennbar im semi-fiktionalen Universum des Krimi-Autors Jérôme Leroy, der schon eine ganze Reihe so genannter Neo-Noir-Krimis vorgelegt hat, die in einem Frankreich spielen, das immer mehr von der rechten Partei des Bloc patriotique vereinnahmt wird, der natürlich dem Rassemblement national rund um seine charismatische Chefin Marine Le Pen nachempfunden ist. Le Bloc war 2011 der erste Krimi dieser Serie, in dem es um die Nacht vor der Machtübernahme durch die rechtsradikale Partei geht, 2022 erschien mit Les derniers jours des fauves der vorläufig letzte Thriller, in dem die Corona-Pandemie im Mittelpunkt steht (hier unsere Rezension). Beim Krimi La Petite Gauloise, um den es hier gehen soll und der gerade unter dem Titel Die letzte Französin in der Übersetzung von Cornelia Wend in die deutschen Buchhandlungen gekommen ist, handelt es sich mit knapp 100 Seiten eher um eine Erzählung als um einen Roman. In Frankreich ist das schmale Buch bereits 2018 erschienen, also zwischen Le Bloc (dt. Der Block 2017) und Les Derniers Jours des fauves (dt.: Die letzten Tage der Raubtiere, 2023).
Leroy hat sich im Laufe seiner Serie einen eigenen Stil erarbeitet, der seine Romane aus vielerlei Gründen vom Krimi-Mainstream deutlich abhebt. Zum einen werfen seine ironischen allwissenden Erzähler gnadenlose Blicke auf die aktuellen Befindlichkeiten der französischen Gesellschaft, so dass man sich bisweilen an Michel Houellebecq oder Virginie Despentes erinnert fühlt. Zum anderen ermöglichen ihm seine Erzählerfiguren immer wieder humorvolle, barock anmutende Ebenenwechsel, so etwa: „Jetzt ist es an der Zeit, dem Leser mitzuteilen, dass er weder Brigadier Richard Garcia noch Cindy Lefèvre wiedersehen wird.“
Zuletzt reichert Leroy immer wieder seine meist bluttriefenden Geschichten mit allerlei Anleihen aus dem Fundus der Literaturgeschichte an. So erzählte er Le Bloc im Stil einer klassischen Tragödie, indem er die Einheiten von Zeit und Handlung berücksichtigt oder benennt in Derniers jours des fauves sämtliche Figuren nach Protagonisten aus Balzacs Comédie humaine. In La Petite Gauloise spielt Rimbaud am Ende eine wichtige Rolle sowie eine verkaterte Jugendbuch-Autorin, die aus der Hauptstadt für eine Lesung ihres jüngsten Romans in den Westen kommt. Die Literatur ist also omnipräsent in den Krimis von Jérôme Leroy, was dem Literaturwissenschaftler natürlich gefällt, aber – so viel ist sicher – es tut der Spannung überhaupt keinen Abbruch, wenn man die zahlreichen Anspielungen nicht mitbekommt. Denn trotz allen Extravaganzen sind sämtliche Romane von Jérôme Leroy exzellente, rasant erzählte Hard-Boiled-Krimis, die man bis zum überraschenden Ende nicht aus der Hand legen mag. La Petite Gauloise bildet da keine Ausnahme.
Jérôme Leroy: La petite gauloise, Paris: Gallimard, 2019, 144S. Auf Deutsch in der Übersetzung von Cornelia Wend unter dem Titel Die letzte Französin 2025 in der Edition Nautilus erschienen.
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