Über Geld redet man doch!

In "Monique s'évade" berechnet Édouard Louis für seine Mutter den Preis der Freiheit

Veröffentlicht am
8.5.2024
Gregor Schuhen

Gregor Schuhen

RPTU in Landau
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Als Édouard Louis im November vergangenen Jahres an der Uni Tübingen im Rahmen der Poetik-Dozentur eine Geschichte vortrug, die das Leben und den Tod seines älteren Bruders zum Thema hatte, durfte man vermuten, dass dies der Auftakt zu einem neuen Buchprojekt war. Am 16. Februar dieses Jahres kündigte der 31-jährige Schriftsteller jedoch auf seinem Instagram-Kanal völlig überraschend ein Buch an mit dem Titel Monique s’évade (dt. „Monique flieht“), das Ende April in die Läden kommen sollte. Wer die bisherigen Werke des Franzosen gelesen hat, weiß, dass es sich bei der Titelfigur um die Mutter des Autors handelt, die nun offenbar schon zum zweiten Mal die Flucht ergreift. In einem Interview mit dem Magazin Les inrockuptibles berichtete Louis kürzlich, dass er in letzter Zeit parallel an zwei Projekten gearbeitet habe: zum einen an Monique s’évade und zum anderen an L’Effondrement (dt. „Der Zusammenbruch“), in dem es tatsächlich um den mit nur 38 Jahren verstorbenen Bruder geht. In beiden Büchern gehe es um Flucht: im Fall von Monique um den geglückten Ausbruch aus der Beziehung mit einem gewalttätigen Mann, im Fall des Bruders um das misslungene Entrinnen aus seinem tristen Alltag. Am Ende sei das Buch über die Mutter einfach schneller fertig geworden und liegt nun also seit gut einer Woche vor.

Bücher von Söhnen über Mütter sind derzeit ein regelrechter Boom: Louis selbst hat vor drei Jahren mit Combats et métamorphoses d’une femme (dt.: „Die Freiheit einer Frau“) bereits eine erste Erzählung über Monique Bellegueule vorgelegt, Didier Eribon zog im vergangenen Jahr mit Vie, vieillesse et mort d’une femme du peuple (dt. „Die Arbeiterin. Leben, Alter und Sterben“) nach. Ebenfalls 2021 veröffentlichte Christian Kracht mit Eurotrash ein autofiktionales tragikomisches Roadmovie, in dem der Erzähler mit seiner leicht dementen Mutter quer durch die Schweiz fährt. Maxim Biller setzte im vergangenen Jahr mit Mama Odessa seiner verstorbenen Mutter ein literarisches Denkmal. Ob man hier von einer Ödipalisierung der Literatur in der Tradition von Proust sprechen muss, bleibt abzuwarten – feststeht, dass der mütterliche Archetypus offenbar eine schier unersättliche Erzählmaschine in Gang setzt und nicht nur die Söhne zu immer neuen Geschichten inspiriert, sondern längst auch die Töchter. Man denke nur an Annie Ernaux (Une femme, dt.: „Eine Frau“) oder an Daniela Dröscher (Lügen über meine Mutter).

Louis selbst hat sich für sein jüngstes Werk eigenen Angaben zufolge von den Romanen der Französin Hélène Cixous (geb. 1937) inspirieren lassen, die mit Ève s’évade: la ruine et la vie (2009) und Homère est morte (2014, dt.: „Meine Homère ist tot...“, 2019) ebenfalls zwei Bücher über ihre deutsche Mutter Eva Klein geschrieben hat. Kaum zu übersehen ist, dass Cixous’ erstes Mutterbuch den Titel für Louis’ jüngsten Text geliefert hat, und auch das Motto stammt von der französischen Vielschreiberin: „C’est donc la Nouvelle Vie que je vois“ („Das ist also das Neue Leben, das ich sehe“). Die Lebensgeschichten von Eva Klein und Monique Bellegueule könnten allerdings unterschiedlicher kaum sein: hier die mit einem algerischen Radiologen verheiratete Jüdin, die ihr Leben zunächst in Deutschland, dann in England, Algerien und schließlich in Frankreich verbracht hat; dort die aus prekären Verhältnissen stammende Proletarierin, die zweimal mit alkoholsüchtigen Männern verheiratet war, fünf Kinder zur Welt gebracht hat und nach ihrer Scheidung vom zweiten Ehemann mit ihrem neuen Partner aus der Pikardie nach Paris gezogen ist. Die Geschichte der Scheidung und des Umzugs in die französische Metropole hat Louis in Combats et métamorphoses d’une femme erzählt. Das schmale Büchlein endete mit einem geradezu märchenhaften Finale im Nobelviertel Saint-Germain-des-Prés, wo die ‚neugeborene‘ Monique Bellegueule eines Tages eine Zigarette mit der französischen Filmikone Catherine Deneuve raucht. Was die Geschichten von Eva Klein, die 2013 als Ève Cixous in Paris stirbt, und Monique Bellegueule wiederum eint, ist das Motiv der Flucht. Beide Frauen mussten aus sehr unterschiedlichen Gründen ihre Heimat verlassen und sich eines Tages ohne ihre Männer neue Existenzen aufbauen. Zudem haben beide Mütter Kinder zur Welt gebracht, die heute – innerhalb ihrer jeweiligen Generation – zu den Literaturstars Frankreichs gehören.

Warum muss Monique Bellegueule nun bereits zum zweiten Mal die Flucht ergreifen? Das Buch beginnt mit einem verzweifelten Telefongespräch, in dem die Mutter dem Sohn mitteilt, dass auch ihr neuer Partner sie ständig im Suff auf üble Weise beschimpfe und dass sie Angst habe, dass noch Schlimmeres passiere. Sie erlebe dieselbe Misere, die sie schon mit ihren beiden Ex-Männern durchlitten habe. Louis befindet sich zur Zeit des Anrufs aus beruflichen Gründen in Athen und ermuntert seine Mutter zur Flucht. Mit der Hilfe von dessen Pariser Freunden zieht Monique kurzerhand in die Wohnung ihres Sohnes ein, der wiederum aus der Ferne alles regelt: Er bestellt ihr jeden Abend ein Essen ihrer Wahl, lässt ihr über Didier Eribon Geld zukommen und sucht schließlich gemeinsam mit seiner Schwester ein Häuschen in der Provinz, wo sich die vom Schicksal gebeutelte Mutter fortan geborgen und frei fühlen soll. Das einzige Problem: Weder Monique noch seine Schwester haben genug Geld für die Miete und die Einrichtung des neuen Zuhauses. Daher schießt der erfolgreiche Sohn die fehlenden Beträge zu, sodass seine Mutter in einem kleinen Haus mit Garten in der Nähe ihrer Tochter leben kann.

Der Untertitel von Monique s’évade lautet Le prix de la liberté (dt. „Der Preis der Freiheit“), und man muss ihn wohl wörtlich nehmen, das heißt: im pekuniär-ökonomischen Sinne. Nie zuvor wurde in den Büchern des Franzosen so viel über Geld geredet. Minutiös werden die Kosten aufgelistet, die aufgebracht werden müssen, um der Mutter ein neues Leben zu ermöglichen: „200 Euro hat Didier vorgestreckt, 500 Euro für den Kühlschrank, 300 Euro für den Gasherd, 15 Euro für das Fluchttaxi, Kaution: 1.100 Euro, Überweisung für die ersten Monate des neuen Lebens: 2.000 Euro, etc.“ Louis beruft sich auf Virginia Woolfs berühmten Essay A Room of One’s Own (1929), in dem die Engländerin die Freiheit einer Frau unter anderem nach materiellen Parametern bemisst: Alles, was es braucht, sind ein eigenes Zimmer und 500 Pfund Jahres einkommen. Der Preis der Freiheit ist demnach – so Louis – rational quantifizierbar, und so fragt er sich: „combien de personnes, combien de femmes changeraient de vie si elles obtenaient un chèque?“ („Wie viele Personen, wie viele Frauen würden ihr Leben ändern, wenn sie einen Scheck bekämen?“). Der an Bourdieu geschulte Schriftsteller verkürzt hier überraschenderweise den Schlüssel zum Erfolg auf das ökonomische Kapital, obwohl er wissen müsste, dass auch kulturelles und soziales Kapital vonnöten sind, um im Leben zu reüssieren, ja, um frei zu sein. Doch indem er die Freiheit seiner Mutter einzig unter finanziellen Aspekten beleuchtet, gelingt es ihm umso besser, sich selbst als Retter in der Not zu präsentieren.  

Als jemand, der sich schon seit einigen Jahren intensiv mit den Werken von Louis und Eribon beschäftigt, muss ich sagen, dass mich mit jedem neuen autobiografischen Werk ein wenig mehr Unbehagen heimsucht. Wir haben es immerhin mit zwei – nicht zuletzt kommerziell – erfolgreichen Autoren zu tun, die sich selbst in überaus privilegierter Position als Sprachrohr der Abgehängten inszenieren, indem sie deren Geschichten einer häufig wohlwollenden, zumeist bürgerlichen Öffentlichkeit darbieten und damit – um im Thema zu bleiben – ziemlich viel Geld verdienen. Die Frage, die mich seit längerem umtreibt, ist die: Beuten nicht Eribon und Louis durch ihre Tätigkeit als Erfolgsschriftsteller die Arbeiterklasse erneut aus, indem sie aus ihrem Elend Kapital schlagen? Tun sie nicht mit anderen Mitteln dasselbe, was sie immer wieder der dominierenden Klasse des Bürgertums sowie den politischen Eliten vorwerfen? Wohlgemerkt einer Klasse, der sie längst selbst angehören? Louis zumindest scheint solche Bedenken antizipiert zu haben und thematisiert sie offensiv in Monique s’évade. Er stellt dafür eine einfache Gleichung auf:

Je pourrais aussi le formuler comme ça : c’est parce que j’avais souffert dans mon enfance que j’avais écrit des livres qui avaient engendré des conflits avec ma famille mais qui paradoxalement me permettaient d’aider sa fuite et sa réinvention.
Je pourrais dire :
Pas de souffrance dans mon enfance = pas de livres publiés = pas de liberté possible.
Je pourrais dire enfin que je n’ai jamais connu de liberté qui ne soit en même temps un arrachement à la violence, et donc, qui n’en soit également, et d’une certaine manière, le prolongement.
Ich könnte es auch so formulieren: Weil ich als Kind gelitten hatte, habe ich Bücher geschrieben, die zu Konflikten mit meiner Familie geführt, aber mir es paradoxerweise ermöglicht haben, ihre Flucht und Neuerfindung zu unterstützen.
Ich könnte sagen:
Kein Leid in meiner Kindheit = keine veröffentlichten Bücher = keine mögliche Freiheit.
Ich könnte schließlich sagen, dass ich nie eine Freiheit gekannt habe, die nicht gleichzeitig eine Befreiung von der Gewalt und somit auch deren Verlängerung war.

Ja, das kann man so sehen. Die Tatsache, dass Louis inzwischen weitaus versöhnlicher und empathischer über seine Familie schreibt als sein Freund und Mentor Eribon, macht die Lektüre deutlich angenehmer, und auch Monique s’évade endet wie das erste Mutterbuch mit einem hollywoodreifen Happy End – das letzte Wort des Berichts lautet „joie“. Gleichwohl unterschlägt Louis in seiner Gleichung einen entscheidenden Posten, nämlich seinen eigenen Wohlstand, der ihm durch die Geschichten über seine Mutter, seinen Vater, seinen Bruder und seine Schwester zukommt. Zumindest indirekt rechtfertigt er ihn allerdings durch die eigenen Schmerzen, die er in seiner Kindheit erdulden musste. Damit bemüht Louis gewissermaßen den altgedienten Topos, der insbesondere in Zusammenhang mit autobiografischem Schreiben immer wieder bemüht wird: Ohne Leid keine gute Literatur. Längst ist es jedoch so, dass Louis’ Texte nicht nur das eigene Leid in bare Münze verwandeln, sondern das Leid der Anderen. So bleibt am Ende zufragen, wie es weitergehen wird im Œuvre des noch jungen Franzosen. Das nächste Buch über den Tod des zu Lebzeiten verhassten Bruders befindet sich offenbar schon in der Pipeline, aber werden nicht irgendwann alle Familiengeschichten erzählt sein? Louis selbst sagt dazu im bereits zitierten Interview:

Je veux construire une fresque du monde social, avec dans chaque livre des portraits de personnages différents des classes populaires. J’aime les auteurs comme Proust, Émile Zola, Jamaica Kincaid, Balzac, qui ont fait une œuvre sous la forme d’une fresque.
Ich möchte ein Fresko der sozialen Welt aufbauen, wobei in jedem Buch verschiedene Charaktere aus der Unterschicht porträtiert werden. Ich mag Autoren wie Proust, Émile Zola, Jamaica Kincaid und Balzac, die ein Werk in Form eines Freskos geschaffen haben.

Ob die Familie Bellegueule Stoff genug bietet für ein literarisches Fresko Zola’schen Ausmaßes, darf bezweifelt werden. Hier würde vielleicht nur der Ausbruch aus dem familiären Kettenkarussell in die Welt der Fiktion zum Ziel führen. Das jedoch scheint derzeit eher nicht zu erwarten.  

Ebenfalls in unserem Literaturportal finden Sie Rezensionen zu Louis' Werken Combats et métamorphoses d'une femme und Changer : méthode sowie einen Bericht über Auftritte von Didier Eribon, Geoffroy de Lagasnerie und Édouard Louis in Deutschland.

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