Ceci n’est pas un hommage

Quel bonbourdieuheur! Lars Henk erhebt sein Glas auf den originellen und inspirierenden Denker.

Veröffentlicht am
20.1.22

Lars Henk

Universität Koblenz-Landau

Während meines Lehramtsstudiums an der Universität Siegen bin ich Pierre Bourdieu bereits im zweiten Semester begegnet. Neben den von mir belegten fachwissenschaftlichen Seminaren standen auch eine Vorlesung zur Psychologie und zur Soziologie auf dem Stundenplan. Herr Graßl führte uns in die Geschichte, Gegenstände und Disziplinen der Soziologie ein. In einer unserer Sitzungen haben wir Bourdieus Kapitalbegriff besprochen. Ich erinnere mich noch an das erstaunte Gesicht meiner damaligen Freundin, die vor der Veranstaltung verwundert darüber war, dass ich die vorbereitende Lektüre wirklich unternommen hatte. Ob es an mangelndem Verständnis lag oder dem Versuch geschuldet war, meiner Freundin zu gefallen – lustig, wie die symbolische Gewalt wirken kann! –, kann ich nicht mehr sagen, aber Pierre Bourdieu rückte nach der Besprechung des ökonomischen, kulturellen und sozialen Kapitals, ohne einen wirklich bleibenden Eindruck hinterlassen zu haben, in die dunkleren Kammern meines Gedächtnisses. Heute stelle ich mir phantasievoll vor, dass ich Pierre Bourdieu sorgsam in einer Kiste verschlossen habe, weil ich wohl schon damals nur zu gern geahnt hätte, dass sie einige Jahre später zu einer wahren Schatztruhe für mich werden sollte, um die soziale Welt und mich darin zu denken.

Erst nach der Rückkehr aus der Touraine 2016 stieß ich wirklich auf Bourdieu. Mit intellektueller Neugier kam ich aus Tours, wo ich sieben Monate Philosophie und Literatur studiert hatte, nach Siegen zurück, um mein Philosophie- und Französischstudium abzuschließen. Also begab ich mich auf die Suche nach einem Thema für die Bachelorarbeit. Als Hilfskraft in der Romanistik hatte ich vor meinem Auslandsaufenthalt Aufsätze für den Sammelband von Uta Fenske und Gregor Schuhen zum Themenkomplex von Gewalt und Männlichkeit lektoriert, der 2016 erschienen war. Ihre gemeinsame Einleitung, in der sie die männlichkeitsresouveränisierende Praktik des Duells in den großen europäischen Ehebruchsromanen beleuchten, weckte bereits bei meiner ersten Lektüre mein Interesse: Als Kinder und Jugendliche waren mein Bruder und ich nicht nur in Mittelerde und Hogwarts zuhause, sondern wir hatten auch die realitätsnäheren Les Trois Mousquetaires und Le Comte de Monte-Cristo von Alexandre Dumas verschlungen. Speziell die königs- und gerechtigkeitstreuen, mutigen, kein Duell scheuenden Musketiere um den jungen Gascogner d’Artagnan hatten es uns angetan. In dem historisch anmutenden Degen- und Mantelroman beschloss ich, die Duellpraktik aus Perspektive der Masculinity Studies in den Blick zu nehmen. Auf der Suche nach einer Theorie, die mir das Phänomen normativer und ritualisierter männlicher, Ehre generierender Gewalt aufschlüsseln könnte, wurde ich schließlich bei Bourdieu fündig. Ich folgte dabei dem Rat von Gregor Schuhen und vertiefte mich in die mediterrane Anthropologie des französischen Soziologen. Ich widmete mich einer Reihe seiner Bücher, wie Esquisse d’une théorie de la pratique (1972), Le sens pratique (1980), Réponses. Pour une anthropologie réflexive (1992) und Méditations pascaliennes (1997), um die Schilderungen zum Spiel der Ehre in der algerischen Kabylei als agonalen Gabentausch von Herausforderung und Erwiderung zu verstehen und anschließend auf die vormoderne Duellpraktik anzuwenden. Parallel dazu wälzte ich stundenlang seine Domination masculine (1997), einen für mich sehr schwierigen Essay zur androzentrischen Herrschaft im Mittelmeerraum und ihrer Fundamente. Darin legt Bourdieu seine bis in die 1960er Jahre zurückreichende Auseinandersetzung mit den kabylischen Geschlechterverhältnissen in etwas systematischer Form dar. Er hat sich also schon mit Fragen nach Geschlecht und Gesellschaft beschäftigt, als die Gender Studies noch lange nicht das Licht der Welt erblickt hatten. Kurzum bestand mein Bemühen darin, Bourdieus konzeptuelles Instrumentarium sowie die Bezüge innerhalb seines Theoriegebäudes zu rekonstruieren, das beziehungsweise die sich mit jeder seiner Publikationen präziser herausschälten. Nach langen, harten, zwischen Optimismus und Pessimismus oszillierenden Wochen der Lektüre glaubte ich endlich etwas zu verstehen, ein echter „Heureka“-Moment! Wiederum einige Wochen später lernte ich dann mit den schwierigen Begriffen Praxeologie, genetischer Strukturalismus, Habitus, symbolisches Kapital, symbolische Gewalt und Feld zu jonglieren. Das war die unabdingbare Voraussetzung dafür, das Duell bei Dumas zu analysieren. Pierre und ich verbrachten in der Bibliothek, umgeben von meinen Freund:innen, die ebenfalls an ihrer Abschlussarbeit oder einer Hausarbeit von morgens bis abends werkelten, viel Zeit miteinander. Schwierige Texte, bunte Annotationen und Kommentare, Fluchen, brütende Köpfe, Mensaessen, Kaffee – es war eine aufregend schöne Zeit in den heiligen Hallen der unendlichen Bücherreihen.

Ich hatte schließlich zeigen können, dass Bourdieus Praxeologie einen fruchtbaren Ansatz bot, um die narrative Männlichkeitskonstitution d’Artagnans im militärischen Feld Frankreichs bei Dumas zu untersuchen. Der Abschluss meiner Arbeit bedeutete gleichzeitig den Startschuss für eine intensivere Bourdieu-Lektüre. Ich wollte meine Auseinandersetzung mit ihm unbedingt fortsetzen, weil ich als Nichtsoziologe seine Gesellschaftstheorie, egal wie kompliziert sein Satzbau, wie voraussetzungsreich sein Schreiben und wie bruchstückhaft mein Verständnis auch war, sehr überzeugend fand. Von Bourdieu wurde Soziologie als Enthüllungswissenschaft betrieben, die beanspruchte, uns Menschen über die Grundlagen unseres sozialen Handelns aufzuklären, ohne die subjektiven Dimensionen dessen auszublenden beziehungsweise bloß als Epiphänome einer objektiven Struktur abzutun. Noch heute reibe ich mich an diesem Verständnis, das mich unter anderem hinsichtlich der Frage herausfordert, wie frei wir Menschen in unserem Wahrnehmen, Beurteilen, Klassifizieren und Handeln letztendlich sind.

In meinem Masterstudium widmete ich mich zunächst (in Teilen) seinem opus magnum La distinction – ein Seminar von Walburga Hülk-Althoff war dafür sehr anregend und hilfreich. Dass die (legitime) Kultur ein Mittel sozialer Kämpfe sei, dass Geschmacksurteile einer sozialen Genese unterlägen, war mir in der Form vollkommen neu. Danach las ich seine Untersuchungen zum literarischen und künstlerischen Feld, die einen originellen Ansatz bieten, das Verhältnis von Gesellschaft und Kunst neu zu denken, ohne eine einfache (marxistische) Wiederspiegelungstheorie vertreten zu müssen. In diesen Studien macht Bourdieu mit dem Märchen der „ungeschaffenen Schöpfer“ endlich Schluss. Er brachte mir bei, hinter Veröffentlichungen und Kanonisierungen in den ästhetischen Feldern soziale Kräfteverhältnisse um feldimmanente Konsekrationen am Werk zu sehen. In einer sechsseitigen Arbeit rekonstruierte ich die Rolle Manets für die Entwicklung des künstlerischen Feldes und der modernen Kunst nach Bourdieu. Seine Untersuchung Ce que parler veut dire wendete ich in einer sprachphilosophischen Arbeit an. Die lesenswerte Untersuchung Les héritiers war mein Referenzpunkt, um die soziale Ungleichheit im Schulsystem zu beleuchten. Bourdieus „generative Grammatik“ wurde mir also zu einer Allzweckwaffe, mit der ich disziplinübergreifend divergierende Fragestellungen bearbeiten konnte! C’est vachement bourdivin! Nachdem ich für meine philosophische Masterarbeit die Phänomenologen Hans Jonas und Emmanuel Levinas ein Jahr lang studiert und wertschätzen gelernt hatte, empfinde ich es nun als großes Privileg, mein Interesse für Bourdieu mit meiner Forschungsarbeit verbinden zu können, denn für unser DFG-Projekt zu den Erben Bourdieus in der französischen Gegenwartsliteratur ist seine Soziologie die wichtigste Referenz.

Glücklicherweise bleibt meine Auseinandersetzung mit ihm nicht auf meine akademische Tätigkeit beschränkt. Er gibt mir die Instrumente an die Hand, etwas über die soziale Welt um mich herum und auch mich zu lernen – und an dieser Stelle muss ich an den Film Soziologie ist ein Kampfsport (2009) denken, in dem Bourdieu Gymnasialschüler:innen erklärt, dass die Sozioanalyse mehr Lernpotenzial bietet als die Psychoanalyse. Ausgerüstet mit seinem komplexen, empirisch fundierten Theoriegebäude lassen sich die kulturell geprägten Sitten in meinem unmittelbaren Umfeld dechiffrieren. Ich verstehe inzwischen die kurzweilige soziale Scham, die mich vor Jahren im Tischgespräch mit den konsekrierten Bildungsbürgern der Universität erfasste und mich in diesem Moment nicht losließ, als ich den Namen eines deutschen Intellektuellen falsch, nämlich englisch, ausgesprochen hatte. Ich habe dank Bourdieu gelernt, wie es dazu kommt, dass mir der volle Teller mit Kohlenhydraten zuhause lieber ist als das halbleere Tellerchen im Restaurant. Ich habe für mich entschlüsseln können, warum das Leben auf dem Dorf so tickt wie es tickt, warum langanhaltende Spaziergänge zu viel Freizeit, zu wenig Arbeit oder Faulenzerei – wohl alles drei auf einmal – bedeuten können. Bourdieu ist mein Enthüllungsschlüssel für die Rätsel des sozialen Lebens. Selbstverständlich bedeutet dies jedoch gerade nicht, dass sich alle Geheimnisse mithilfe seiner reflexiven Anthropologie tatsächlich lösen lassen. Zu meiner Begeisterung für Bourdieu gehört es selbstverständlich auch, nicht zuletzt mit Bourdieu, gegen Bourdieu zu denken, zu überlegen, wo seine Ansätze nicht mehr passend oder generell falsch sein könnten.

Niemand verbringt so viel Zeit mit einem Intellektuellen von Bourdieus Gewicht, ohne dass bestimmte Worte sich gleich einer Devise einprägen – Bourdieu würde natürlich sagen somatisieren, inkorporieren, kurz Körper werden! Mein Lieblingszitat stammt aus Bourdieus Buch Sur l’État (2012). Dort heißt es: „Il est important, lorsqu’on est jeune philosophe, de savoir ce dont on se prive par sens de la hauteur philosophique." (S. 271, dt: „Für einen jungen Philosophen ist es wichtig zu wissen, was man sich entgehen lässt, wenn man von hoher philosophischer Warte aus blickt“). Ich mag gerade diese Worte, weil sie erstens Bourdieus Forschungsverständnis und -ansatz sehr gut auf den Punkt bringen. Für Bourdieu findet wirkliche Wissenschaft nicht in einsamer Geistestätigkeit, in der Schau der reinen Ideen, wie wir Philosophen es uns zumindest oft einreden, am Schreibtisch statt. Stattdessen geht es gemeinsam hinaus ins Feld. Theoretische Konzepte, die sich nicht aus der Empirie für die Empire entwickeln, sind gewissermaßen betriebsblind – also ohne großen wissenschaftlichen Nutzen. Hinsichtlich seines wissenschaftlichen Ansatzes lese ich aus diesen Worten heraus, dass Bourdieus sich für eine soziologische Bearbeitung philosophischer Fragestellungen einsetzt. Damit, wie ich in der ausladenden Sekundärliteratur gelesen habe, baut Bourdieu die Philosophie zu einer empirisch fundierten Soziologie um. Für mich als Partisan der Philosophie bedeutet das gleichzeitig, mich zu fragen, wie Bourdieu gemäß dieses Projekts die großen philosophischen Fragen nach objektiver Wahrheit, nach unbedingten ethischen Maßstäben, nach Gott, Freiheit und Unsterblichkeit, insofern man die Metaphysik nicht sowieso für Bankrott erklärt, beantwortet. Ich stelle mir vor, wie Bourdieu mir gegenübersitzt und verschmitzt lächelt. Ich stelle mir vor, wie er fragt: „Wer hat ein Interesse daran, dass der moralische Realismus wahr ist?" Und dann höre ich ihn sagen: „Tout est social!“ Um Bourdieus Position aber wirklich zu rekonstruieren, muss ich ihn noch einige Jahre weiter studieren. Weiterhin höre ich, wie er mich ermuntert: „Forsche selbst!“ Das werde ich tun: Spontan erscheint mir, dass die Erforschung der sozialen Bedingungen der Möglichkeit von objektiver Moral nicht wirklich etwas über ihren ontologischen Status aussagen kann, weil die Frage nach der Geltung von einem strukturalistischen Konstruktivismus beziehungsweise einem konstruktivistischen Strukturalismus nicht eingeholt werden kann.

Dieses Zitat aus Sur l’État, das wohl nicht umsonst in meinem Büro hängt, lese ich zweitens gerade deshalb besonders gerne, weil ich, auf die Gefahr hin, Bourdieus Satz aus seinem unmittelbaren Kontext herauszulösen, daraus etwas für mein Leben lernen kann. Die Wissenschaft, ob theoretisch und/oder empirisch, gehört zu meinem Leben, zu dem, womit ich mich gerne beschäftige. Aber mein Leben erschöpft sich nicht in der Forschung. Leben ist Seinsvollzug, was uns die Phänomenologie Heideggers und seiner Adepten beigebracht hat. Mit dieser persönlichen Einsicht möchte ich diesen Text, der keine Hommage ist, denn dies hätte sich Bourdieu wohl nicht gewünscht, schließen. Während ich die letzten Buchstaben eintippe, fällt mein Blick auf mein Bücherregal, in dem unter anderem seine Bücher sorgsam aneinandergereiht stehen. Mit einem Lächeln entdecke ich dort noch Platz für das nächste Werk von Bourdieu. Quel bonbourdieuheur! Dann verlasse ich meine eigene Denkstätte, entkorke einen Rotwein (warum muss es nun Rotwein sein?) erhebe an Bourdieus 20. Todestag mein Glas auf diesen originellen und inspirierenden Denker und gönne mir den Vollzug meines eigenen Seins.

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